Lauingen und Dillingen

Inspirationen – Landschaft und Menschen des schwäbischen Donautals

Lauingen, Stich von 1617. Aus: Geschichte der Stadt Lauingen. Von Bernhard Mayer. Dillingen 1866
Donauried

Ein alter Stich – Lauingen – inspiriert den Dichter zu philosophisch essayistischen Betrachtungen über Heimat, Heimatgefühle und Weltbild und lässt erahnen, wie sich Heinz Piontek die ihn umgebende Wirklichkeit und Abbildung von Wirklichkeit aneignet. Nicht fotographisch naturalistisch, aber auch nicht realistisch verklärend; eher existenzialistisch begreifend und fassend. Pionteks Blick aus dem Dachstubenfenster wird zur Basis seines poetischen Schaffens. Reale Existenz, Nachdenken über reale Gegebenheiten und Hervorbringung fiktiver poetischer Welten bedingen sich.

"Es ist ein Kupferstich aus dem Jahre des Herrn 1617. Kein bedeutendes Werk, doch eine geschickte, fleißige, nicht ohne Liebe ausgeführte Arbeit. Auch der Gegenstand der Darstellung versetzt nicht gerade in Erstaunen. Man nimmt eine Stadtansicht wahr mit Wappen und Windrose und lateinischer Widmung. Alles sauber hervorgebracht, dem topographischen Zweck angemessen, verfertigt in der Technik des Kartonstiches, die sich an die puren Umrisse halt und Schatten durch Schraffuren wiedergibt. Dass von diesem schlichten Blatt eine Wirkung ausgeht, die sich nicht nur an den historischen Sinn, das bauliche Interesse des Betrachtenden wendet, sondern darüber hinaus seine ganze innere Aufmerksamkeit fesselt, ist sonderbar und kaum in einem Satz zu erklären.
Am stärksten nimmt die Perspektive gefangen. Eine Luftaufnahme, würden wir sagen, wenn wir statt der Graphik ein Lichtbild vor uns hatten. Das Auge schweift nicht von einem Turm herab, es befindet sich vielmehr in Vogelhohen, außerhalb der Mauern, an einem luftigen, sehnsüchtigen Punkt. Hier oben herrscht Klarheit, Einsicht. Aber dem Stadtbild wohnt etwas Suggestives inne: es zieht den Blick, ja, es saugt ihn formlich an. Wie in einem gelinden Sturz kommt man den Dächern und Straßen naher. Will man das Ungewöhnliche dieser Sicht recht erfassen, bedenke man die Zeit, in der der Stich entstanden ist - mehr als ein Jahrhundert musste noch verstreichen, ehe sich die erste Montgolfiere in die Lüfte erhob. Was auf dem Blatt also als exakte Erkundung fixiert wurde, das ging auf eine utopische Vorstellung zurück. Nicht selten ist der Traum der Vorläufer der Er-kenntnis. Die gesamte Anlage hat die Form einer Birne. Drei Seiten der Stadt sind von Wällen und Gräben eingefasst, die vierte, die Mittagsseite, wird von einem Strom geschützt und ist nur leicht bewehrt. Straßen gliedern das Wohngebiet in schone geometrische Teile. Eine Fahrbahn lauft rings um das Ganze, eine andere, stattlichere, zerlegt den Komplex in zwei annähernd gleiche Hälften. Von dieser Hauptader aus fuhren Gassen gleich Kanälen in ziemlich regelmäßigen Abständen zu der Ringstraße hinaus. Zwei enge Vorstädte, bis an das Ufer heranreichend, heben sich deutlich ab, doch sind auch sie von den Befestigungen eingefasst. An Bauwerken ist das damals Übliche vorhanden: ein kastellartiges Herzog-schloss, ein Munster mit auffallend hohem Schiff, drei, vier geringere Kirchen, Rathaus, Kollegium, Türme und Tore. Es gibt eine Metzig und eine Kornschranne, ein Trinkthörlin und einen Weinstadel. Das offene Land vor den Mauern tragt Baumgarten mit Wächterhütten und Hopfenfelder."

(Selbstzeugnisse: Einen alten Stich betrachtend)

 

Dabei bezieht sich der Dichter selbst mit ein. Schließlich war er ja auch ein Heimatvertriebener; er selbst konnte am besten das Lebensgefühl eines Entwurzelten nachvollziehen. Fast schon nüchtern findet er sich mit seiner neuen Situation ab.

"Was mag denen die Stadt bedeuten, die jetzt in ihr zu Hause sind? fragt man sich unwillkürlich." (a.a.O.)

Selbst ein Ausblick aus der Wohnung vermag nicht bloß Abbildung, sondern Grundlage poetologischer Betrachtungen und Grundlage planmäßigen Vorgehens zu sein.

„Wer seinen Wagen in östlicher Richtung über die Bundesstraße 16 steuert und die Stadt durchquert hat, passiert zuletzt ein unauffälliges Haus, von dem nur das Ober-geschoss über einer Buchsbaumhecke zu sehen ist. Auf der anderen Straßenseite, hinter Villen und Garten, die an einem Abhang enden, fließt die Donau, schnell, seicht, durch Dickichte und Wiesen. Wer aber von meinem Schreibtisch hochblickt, findet im Fensterrahmen einen fast baumlosen Prospekt: einen Horizont aus blauen und grauen Dörfern und einen sehr hohen Himmel.

Das ist seit sieben Jahren mein Gelände. Hier arbeite ich.“

(Selbstzeugnisse: Nach sieben Jahren)

 

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