Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretationen für die Schule - Gedichte von Heinz Piontek

Texte von Heinz Piontek finden sich in aktuellen Schulbüchern leider nur selten. Einzelne Gedichte, poetologische Abhandlungen, z.B. über die Kurzgeschichte, oder epische Texte sind vereinzelt aufffindbar.

An dieser Stelle finden Sie kurze Interpretationen von Gedichten Heinz Pionteks. Zweck dieser Veröffentlichungen ist es, einen größeren Leserkreis mit Versen Pionteks bekannt zu machen und Lese- bzw. Interpretationshilfen zu geben.

Es wurde darauf geachtet, alle Werkphasen des Dichters  und auch unbekanntere, weil nicht in Anthologien enthaltende Stücke zu berücksichtigen.

 

Auch sollen an dieser Stelle Lehrern wie Schülern Anregungen zur Auseinandersetzung mit Gedichten Pionteks gegeben werden. Die Kurzinterpretationen eignen sich ebenso zur Vorbereitung auf Prüfungen, werden doch formale, sprachliche, literaturgeschichtliche sowie textexterne Faktoren einbezogen.

 

Wir danken dem Literaturwissenschaftller und Historiker Hartwig Wiedow sehr, der sich die Zeit genommen hat, diese Interpretationen zu verfassen. Textnah, aber nicht streng teximmanent eröffnet Hartwig Wiedow einen nachvollziehbaren, gut verständlichen Zugang zu Pionteks teils hermetisch wirkender Lyrik.

 

Wir freuen uns auf Rückmeldungen über unser Kontaktformular. Gleichzeitig sollen Schüler wie Lehrer angeregt werden, sich mit der Lyrik Pionteks zu beschäftigen. Gerne kann an dieser Stelle ein literarischer Diskurs geführt werden.

Kurzinterpretation - Die Landmesser

Heinz Piontek

Die Landmesser

 

Nun stehn die Stäbe, eingerammt im Grund
und weiß und rot, mit spitzen Eisentüllen.
Der Männer Augen sind vom Spähen wund
und rauh die Kehlen vom Befehlebrüllen.

 

Der eine hält die Karte ausgebreitet,
indes ein anderer die Optik dreht:
durchs Fadenkreuz die Ziegenweide gleitet
und dann ein Helfer, der zum Fluchtpunkt geht.

 

Ein dritter muss zum Rechenschieber greifen,
der vierte treibt die Hilfsarbeiter an.
Die trotten müßig, rauchen Stummelpfeifen
und fluchen den Beamten dann und wann.

 

Und alle tragen Filze, schwarze Loden,
an ihren Stiefeln haftet Tau und Staub.
Sie senken tief das Steinmal in den Boden
und schmecken an den Zähnen warmes Laub.

 

Und rechnen gut. Die Pläne sind genau.
Die Messgeräte richten sich verlässlich.
Und weitet sich die Ferne zart ins Blau:
Den Zirkel her! Hier ist nichts unermesslich.

 

Heinz Piontek: Ich höre mich tief in das Lautlose in. Frühe Lyrik und Prosa. Herausgegeben von Anton Hirner und Hartwig Wiedow. Berlin / Schmalkalden 2011. S. 49

 

Es gab viel zu vermessen in den 50er Jahren, der Zeit des Wiederaufbaus und des bald beginnenden Wirtschaftswunders: Grundstücke wurden parzelliert, neues Bauland aufgeschlossen, die „Ziegenweide“ (II) zum Beispiel, früher vielleicht eine Allmende, aber dergleichen passte nun nicht mehr in die neue Wirtschaftsordnung... Im Verlauf von Flurstücks- oder Grundstücksgrenzen mussten Grenzpunkte (das Gedicht spricht in IV von „Steinmal“) gesetzt werden. Man bediente sich damals – noch weit vor Einsatz des Global Positioning System (GPS) – des Othogonalverfahrens, d. h. die Punkte wurden mit einem Winkelprisma („Optik“, II), einer Kreuzscheibe („Fadenkreuz“, II), mit Messlatten und Fluchtstäben (I) vermessen. Zum sogenannten Vorwärtseinschneiden, eine zur Entfernungsmessung zweier unzugänglicher Punkte unerlässlichen Berechnung, verwendeten die Geometer als analoges Rechengerät den auf logarithmischer Basis beruhenden Rechenschieber (III), denn Taschenrechner standen damals noch nicht zur Verfügung. Aber auch mit ihnen ließ sich „gut rechnen“ (V)!

 

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Kurzinterpretation - Romanzen vom Abschied 3 und Romanzen, reflektiert zurückdenkend

Heinz Piontek

Romanzen vom Abschied
3

Okarina des Abschieds
bläst mir der heitere Herbst,
Farben von Safran und getrocknetem Blut -

 

ach mit dem Rauch der Kartoffelfeuer
zieht die chimärische Dauer
hinter die Steigung des Hangs.

 

Was mir geliehen wurde:
wechselndes Licht an den Wänden,
Verständnis für manche Vergeblichkeit,
ein tiefer gespürter Schimmer des Laubs -
dem Unerfahrbaren geb ich's zurück.

 

für Hans Egon Holthusen

 

Heinz Piontek: Ich höre mich tief in das Lautlose in. Frühe Lyrik und Prosa. Herausgegeben von Anton Hirner und Hartwig Wiedow. Berlin / Schmalkalden 2011. S. 62


Romanzen, reflektiert
Zurückdenkend

An die Kraut- und Heringstonnen
des Kaufmanns Wollny -

 

(Ich erinnere mich deutlich.)

 

An die scheintoten toten
Dragoner der Heide Basan -

 

An das Schlachtfest
in der Kolonie Buddenbrock -

 

An den starken kleinen Juden
Ephraim -

 

An den Rauch.

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S. 149 ©  Anton Hirner, Lauingen

 

Unter den Gedichten Heinz Pionteks findet man – neben Einzelstücken – alleine vier Folgen, die mit „Romanzen“ überschrieben sind. Es handelt sich dabei um eine lyrische Gattung, die als Verserzählung ursprünglich aus Spanien stammt. Der in Deutschland zuerst von Herder genutzte Begriff wurde später dann bei Eichendorff u. a. verwendet, dabei aber nicht von dem der Ballade, ebenfalls eine Verserzählung, unterschieden. Piontek wird auf Romanzen weniger im Umkreis der älteren Literatur gestoßen sein, sondern eher bei der Lektüre des nach 1945 schnell in Deutschland rezipierten spanischen Lyrikers Frederico Garcia Lorca (1898 - 1936) – ein erster Auswahlband erschien bereits 1948! – und hier vor allem des „Romancero gitano“ („Zigeunerromanzen“). Wie stark Piontek, in dessen Bibliothek zwei Bände Lorcas aus den fünfziger Jahren standen, von diesem andalusischen Dichter angeregt wurde, sieht man besonders an den in vierhebigen Trochäen – von Garcia Lorca für seine Romanzen favorisiert! – geschriebenen Gedichten „Romanze vom schwarzen Hund“ („Gähnend streckt er seine Läufe, / und im Fell die Flöhe jucken“) und „Stiller Mann“ („In der Vogelklause schwimmt der / Rauch aus karger Dämmerung“). Bilder wie „Tabakslicht“, „messingfarbener Sterntau“, „mit einer Stimme aus Honig und Flachs“ verraten ebenfalls den Einfluss des Spaniers, den Piontek 1953 und 1955 in zwei Rezensionen vorstellte.

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Kurzinterpretation - Unablässiges Gedicht

Heinz Piontek

Unablässiges Gedicht

Geschrieben, vergessen -  
am Schuh reißt der Bast
Nichts je besessen,
was du vergeudet hast.

 

Leuchtspur der Städte,
Orangen im Rock.
Zeit springt wie grüne Glätte
vom Rosenstock.

 

Vieles verschwiegen:   
östliche Seen,
den Rauch und die Ziegen,
die hellen Chausseen.

 

Da es ersonnen:
Was gilt es dir?
Die Welt bleibt begonnen
auf dünnem Papier.

 

Papier, schwarz im Feuer,
ein Ruch dann von Leim,
aus Luft bald ein neuer
flüchtiger Reim.

 

Nichts je besessen -:
das machte dich reich.
Schreiben, vergessen
gilt gleich.

 

Heinz Piontek: Ich höre mich tief in das Lautlose ein. Frühe Lyrik und Prosa. Herausgegeben von Anton Hirner und Hartwig Wiedow. Berlin / Schmalkalden 2011. S. 63


Vorbemerkung: Römische Ziffern verweisen auf die Strophen des Gedichts, arabische auf die Zeilen.

 

Eine melancholisch gestimmte Bescheidenheit, Verzicht und Skepsis liegen über diesen Versen, und der heutige Leser wird überrascht sein, dass sie ein 28jähriger junger Mann geschrieben hat. Es ist ein Dokument einer Generation, die in de USA als „silent generation“ bezeichnet und in einem aufsehenerregenden Artikel im Time Magazine (November 1951) mit Adjektiven wie „unimaginative, withdrawn, unadventurous, and cautious“ charakterisiert wurde. 1957 fand der Soziologe Helmut Schelsky für die zwischen 1925 und 1945 Geborenen den schnell die Runde machenden Begriff der „Skeptischen Generation“. Pionteks Verse, die er 1953 (noch in einer etwas anderen Gestalt) in seinem zweiten Gedichtband „Die Rauchfahne“ veröffentlichte, lassen sich als Zeugnis dieser Generation lesen, über die er 1954 in einer kleinen autobiographischen Skizze „Nach sieben Jahren“ sagte: „Vorsicht, Misstrauen und Schweigsamkeit sollen die hervorstechendsten Eigenschaften meiner Generation sein. Sie sind uns häufig als Schwächen angekreidet worden. Ich bin glaube jedoch, man kann sie von Fall zu Fall auch unserer Tugenden nennen.“ (H. P.: Ich höre mich tief in das Lautlose ein. S. 24)

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Kurzinterpretation - Untergang der Scharnhorst

Das Schlachtschiff Scharnhorst 1939/40

Heinz Piontek

Untergang der Scharnhorst

 

Dem Andenken meines Freundes,
des Fähnrichs zur See, Gerhard Mach

 

Hinunter von den schiefen Decks!
Das große Gefecht. Der große Himmel des Winters.
Die See bedeckt sich mit heißer Angst.

 

Nie setzte deine Mutter den Fuß auf Muscheln
und angetriebenes Holz.
Schräg die Augen wie von Chinesinnen,
ihr Rücken war streng, preußisch.

 

Mach dich auf, sie zu suchen -
hinter der harten Luft und den frommen Kometen:
die Tote, die dich beweinen soll.

 

Auf der Salzflut treibt dünnes Eis. Dir reißt es
die Lippen, die Wangen blutig.
Nach dem Tumult ertrinken nun lautlos
die Schwimmer um dich her.

 

Ihr Blaujacken! Kameraden!

 

Fremde Geschwader, die Häfen anlaufend,
werden in deinen Augen
zierlich wie blaugraues Glas.

 

Am anderen Morgen der warme flockige Luftstrom,
süßer Geruch einer Küste?
Nun schneit es Blüten auf das offene Meer.
Du sinkst mit ihnen.

 

Heinz Piontek: Indianersommer. Ausgewählte Gedichte. Bergstadtverlag, Würzburg 1990, S. 51; vergl. a. Heinz Piontek: Ich höre mich tief in das Lautlose ein. Frühe Lyrik und Prosa. Herausgegeben von Anton Hirner und Hartwig Wiedow. Berlin / Schmalkalden 2011. S. 75

 

Die Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg und seinen Folgen durchzieht bereits das Frühwerk Heinz Pionteks, der selbst direkt von der Schulbank zum Kriegsdienst verpflichtet wurde. Im Zyklus „Erstandene Stimmen“ – wie „Untergang der Scharnhorst“ im dritten Gedichtband Pionteks („Wassermarken“, 1957) zu finden – stehen die Zeilen „Du Bürde Krieg, du Berg, du wüste Last -, / für alle Schrift zu schwer und nicht zu fassen“. Die dem Andenken seines Kreuzburger Jugend- und Sportfreunds Gerhard Mach gewidmeten Verse stellen einen der zahlreichen Versuche Pionteks dar, mit dieser „wüsten Last“ fertig zu werden.

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Kurzinterpretation - Anja

Heinz Piontek

 

Anja

 

Unsere Liebe, Anja,
unsere Liebe unter dem Laubschirm,
den das Schwarzholz spannt -
Betrügerin du, die nach Erdbeeren geht
und auf zwei Fingern pfeift,
damit es Wenzel hört von ferne!

 

Ich erbettelte weißen Wein für dich,
Du tratst das Feuer aus.
Ich trug Steine zusammen,
fing an, vier Mauern zu ziehen.
Du hast an wilde Schwäne
unser Brot verschenkt.

 

Morgen werde ich
mit dem Fährmann verhandeln -
drüben ist, wie sie sagen, ein anderer Himmel
und alle Zärtlichkeit gerecht -:
Will ohne dich gehn Anja,
will spurlos in Öde und Klarheit hausen
und neue Hoffnung mir brechen von grünenden
Ästen im Fels.

 

Sieh mich nicht an!
O sieh mich an, dass ich bleibe!

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.80

 

Ein Gedicht über eine schwierige Liebe! Unter Heinz Pionteks früher Lyrik finden sich nur wenige Verse, die man als solche über Liebe bezeichnen kann. Die resignativ gefärbte, schwermütige „Brückenromanze“ soll erwähnt werden. Sie handelt von der Unwiederholbarkeit einer zu Ende gegangenen Liebesbeziehung: „Unter einer Brücke war / ihre Liebe – bittrer Aufruhr – / fern und nicht mehr wiederholbar“ („Die Rauchfahne“. Esslingen 1953. S. 19).

 

„Anja“ wurde zuerst in Pionteks dritten Lyrikband „Wassermarken“ (Esslingen 1957) veröffentlicht und leitete dort eine mit „Östlichen Romanzen“ überschriebene Folge von fünf Gedichten ein. In dreien dieser Romanzen –„Anja“, „Markttag“ und „Tochter des Schmieds“ – ist von der Liebe in den unterschiedlichen Erscheinungsweisen die Rede:

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Kurzinterpretation - Auf den Tod Hemingways

Heinz Piontek

 

Auf den Tod Hemingways

Er schlug Worte an
für den Aufgang der Sonne.

 

Er liebt die Tapferkeit,
seinen Engel.

 

Es warf die Hand, die er hob,
einen harten und hellen Schatten:
Löwen im Dorn.

 

Heiß ging sein Atem hervor
aus Bürgerkriegen
um das Weltreich des Weins,

 

und mit der Kühle
untergetauchten Lichts
berief er das Meer.

 

Aber sein Engel verriet ihn.

 

Nur die Brandstifterin
schlang bis zuletzt ihre Arme
um ihn:

 

Du Liebe.
Er ist tot.

 

Gewehre und Gläser
die man an Felsen
zerschlägt.

 

Heinz Piontek: Werke in sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S. 126 

Erste Buchveröffentlichung: Heinz Piontek: Mit einer Kranichfeder. Stuttgart 1962

© Anton Hirner, Lauingen

 

Keine Interpretation im herkömmlichen Sinn erwartet den Leser. Ein Gespräch, ein fiktiver Dialog soll Annäherung und Zugang zu Pionteks Gedicht schaffen.

Fragender: ein Student
Antwortender: ein Literaturwissenschaftler.

 

Die Interpretation in Form eines Rollenspiels und eines Dialogs: eine fragend sich entwickelnde Hinführung an Pionteks Text, der - wie bei der Georg von der Vring gewidmeten „Totenlitanei“ - erneut einen Dichter zum Gegenstand lyrischer Betrachtung macht. Und so, legt das Gedicht auch Zeugnis ab von Pionteks literarischen Bezügen zu Dichterkollegen. Auf dieser Homepage finden sich an anderer Stelle eben diese „Schnittstellen“, Einflüsse und Verbundenheiten.

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Kurzinterpretation - An die Schüler Heisenbergs

Heinz Piontek

An die Schüler Heisenbergs

 

Spanisch
mag euch meine Arbeit
vorkommen:

 

mit dem Gänsekiel.

 

Von den Ergebnissen eurer
unbegreiflichen Apparaturen
denke ich:

 

Überholbar.

 

Nichts wissend,
zeigen wir uns gegenseitig
die kalte Schulter.

 

Getrennt
nähern wir uns dem
übereinstimmenden Grund.

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.167

 

Hat Heinz Piontek vor Abfassung des Gedichts Veröffentlichungen von W. Heisenberg (1901 – 1976) gelesen? Die theoretischen Schriften des Physikers sind für jeden mathematisch-naturwissenschaftlichen Laien unverständlich; Heisenbergs vielbeachtetes populärwissenschaftliches Buch „Der Teil und das Ganze“ kam erst 1969 heraus. Piontek kannte, Heisenberg aber aus Sitzungen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Im Rückblick notierte er „Intensive Beratungen, in denen Heisenberg mit luzider Präzision glänzt.“ („Zur Wirkungsgeschichte eines schreibenden Einzelgängers“. Herausgegeben von Ludwig Steinherr. Zweite Auflage. München 2000, S.1073)
Warum wählte Piontek gerade den Namen „Heisenberg“? Vermutlich schätzte er dessen ganzheitlich wissenschaftlichen Ansatz; er wird zudem von der „Unschärferelation“ als grundlegender Aussage der Quantentheorie gehört haben. Auch das politische Engagement des Physikers (z. B. Mitunterzeichnung  des Göttinger Manifests gegen eine Bewaffnung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen) wird ihm bekannt gewesen sein. Dennoch aber kann davon ausgegangen werden, dass Heisenberg (und seine Schüler) in diesem Gedicht nicht für sich selbst, sondern im Sinne eines pars pro toto für die moderne Physik mit ihren Laien unverständlichen „Apparaturen“ stehen.

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Kurzinterpretation - Totenlitanei für von der Vring

Heinz Piontek

Totenlitanei für von der Vring

 

Hinter den Wasserfarben verregneter Gärten
hinter Kavaliershäusern Schuluhren Kanälen
hinter dem Heu und Stroh von Blumen
hinter Sommer und Herbst

 

hinter dem Wort Flandern
hinter den Lippen einer Schwäbin
hinter blauem Nebel wie der Sage vom weißen
treibenden Haaren und den ans Ufer gezogenen Körper

 

hinter Starrsinn Wahn Liebe
hinter dem voll bezahlten Preis
hinter einem Wall an der Weser
werden dich auferwecken
die silberkehligen Hörner deiner Gedichte

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.172

© Anton Hirner, Lauingen

 

Die Litanei ist ein vor allem in der katholischen Kirche verbreitetes Wechselgebet mit meditativem Charakter. Ein Vorbeter artikuliert Bitten, die von der Gemeinde mit einem gleichbleibenden Ruf beantwortet werden. Als Beispiel sollen zwei Zeilen aus der „Litanei für alle Menschen“ stehen:

 

„Für alle Kranken und Leidenden - Bitten wir dich!

Für alle Betrübten und Bedrückten - Bitten wir dich!“

 

Heinz Piontek bezeichnet sein satzzeichenloses Gedicht auf den Lyriker, Erzähler und Maler / Zeichner  Georg von der Vring (1889 - 1968) als „Totenlitanei“ und in der Tat ähnelt es, obwohl es von einem Menschen spricht und auch an ihn gerichtet ist, in gewissem Sinne einer Litanei:

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Kurzinterpretation - Im blauen Juni 45

Heinz Piontek

 

Im blauen Juni 45

 

Einschlafen

 

Nachts war nichts
zu vernehmen

 

Kein irres Klappern
von Gasmasken und Trinkbechern.
Kein Pferdewiehern.
Keine Detonationen.

 

Wir legten uns zurück
und fielen
in Dunkel

 

wie in einen Schuh,
Kindheit genannt.

 

Lernen

 

Neben ihren Ochsengespannen
redeten Einheimische
wunderlich auf uns ein.

 

Wir versuchten es zu erraten.

 

Unsere Ältesten sprachen
sorgenvoll von siebenhundert Kilometern,
die sie von ihren jungen Frauen
trennten.

 

Wir versuchten es zu begreifen.

 

Die ersten Zeitungen:
wie weiß auf schwarz
gedruckt.

 

Nur das Wort Frieden
lief mühelos
von Mund zu Mund
eindeutig,

 

auf deutsch und englisch.

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.242 ff.

 

Vorbemerkung: Zu den mit * gezeichneten Publikationen s. „Bibliographische Angaben“ am Ende dieses Beitrags.

 

In Heinz Pionteks „Wie sich Musik durchschlug“ (Hamburg 1978) findet sich eine Folge von fünf Gedichten „Im blauen Juni 45“, in denen sich ihr Verfasser nach nahezu drei Jahrzehnten mit dem Ende des Krieges, seiner kurzen Kriegsgefangenschaft und den ersten Monaten nach seiner Entlassung auseinandersetzt. Mit der Gefangenschaft und Heimkehr behandelnden Lyrik, die Hans Werner Richter in der Anthologie „Deine Söhne, Europa, Gedichte deutscher Kriegsgefangener“ (München 1947)  gesammelt hat, haben diese Gedichte Pionteks nichts gemein. Sieht man von den Versen Günter Eichs, darunter vor allem das poetische Traditionen denunzierende Gedicht „Latrine“* („ … Irr mir im Ohre schallen / Verse von Hölderlin, / in schneeiger Reinheit spiegeln / Wolken sich im Urin. //“) und „Inventur“*, einer „der für die Stunde der totalen Verarmung und Entblößung Deutschlands im Jahre 1945 aussagekräftigsten poetischen Texte überhaupt“ (J. Sartorius), einmal ab, so stößt man in dieser Zusammenstellung auf eine große Zahl von herkömmlichen Mustern verpflichteter, meist nur das eigene Schicksal beklagender und Trost im Schönen suchender Verse. Auch spätere Gedichte zu dieser Thematik ändern an diesem Befund kaum etwas.

Die Gedichtfolge „Im blauen Juni 45“ – „blau“, weil ein besonders sonnenreicher Sommer herrschte, die blaue Farbe aber seit der Romantik auch für Sehnsucht und Klarheit steht – hat einen deutlichen autobiographischen Hintergrund. Piontek, der seit 1943 als Wehrmachtssoldat am Krieg teilnehmen musste, geriet vermutlich am 8. Mai 1945 (als nicht einmal Zwanzigjähriger) im Bayerischen Wald in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im Kriegsgefangenenlager PWE Kötzting (US-Brigade Wichec) interniert. Bereits am 25.5. entlassen, hauste er bis Ende August 1946 dann in einem Gartenhaus in Waldmünchen (Oberpfalz).

Piontek hat nach den beiden frühen Gedichten  „Großer Arber 1945“ („ ... Die Schuld ist noch nicht durchlitten / und du erbettelst dir Brot. // “ ) und „Waldmünchner März“, wo es dann schon heißt: „In Reinheit, Schnee und Kühle / hab ich der Welt vertraut //“ sehr lange gewartet, bis er über diese erste Nachkriegsmonate wieder geschrieben hat.

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Kurzinterpretation - Am See

Heinz Piontek

Am See

 

Wer, auf die hölzerne
Brüstung gestützt,

 

über unser Gehölz
von leichten Apfelbäumen
hinwegblickt

 

und behauptet,
Segel seien auf dunkler Erde
das Schönste,

 

gemahnt mich
an das Übergewicht der Dinge
und der Empfindung.

 

Einst fragte auch ich
nicht weiter:
besessen von der Welle am Bug,

 

den Wassermeilen,
flitzend
sich netzenden Schwalben -

 

Wodurch aber bleiben wir beieinander?
Wie das Rohe ertragen und wie
widerstehn dem Verrat?

 

Sicher aussichtslos,
doch wie lange schon
kämpf ich hier

 

um einen glücklichen Ausgang
für Gedanken?

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S. 306 ©  Anton Hirner, Lauingen

 

Heinz Piontek hat in diesem Gedicht „versteckt“ ein (leicht verändertes) Zitat eingearbeitet. In der dritten Strophe heißt es: „ Segel seien auf dunkler Erde / das Schönste“.

Eine Ode der griechischen Lyrikerin Sappho (um 600 v. Chr.) beginnt mit:

„Ο? μ?ν ?ππ?ων στρ?τον, ο? δ? π?σδων, / ο? δ? ν?ων φα?σ’ ?π? γ?ν μ?λαιναν / ?μμεναι κ?λλιστον, ?γ? δ? κ?ν’ ?τ-/ τω τις ?ραται.“

Emil Staiger übersetzte diesen ersten Vers dieser nur als Fragment überlieferten Ode, geschrieben im sapphischen Versmaß, mit:

„Reiterscharen sagen die einen, Fußvolk / andere. Schiffe seien das Schönste auf der / dunklen Erde. Ich aber sagte, was die / Liebe begehrt, ist's“ (Sappho. Griechisch und deutsch herausgegeben und übertragen von Emil Staiger. Zürich 1957).

Das Zitat ist kein schmückendes Beiwerk oder ein Auftrumpfen mit Bildungsgut, es hat vielmehr, wie später versucht wird zu zeigen, in dem Gedicht Pionteks möglicherweise eine in die Tiefe weisende Bedeutung.

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Kurzinterpretation und produktionsorientierte Erschließung – „Kondensstreifen“

Heinz Piontek

 

Kondensstreifen

 

Diese pfeilgraden Striche
über den halben Himmel.

 

Als flöge da einer
auf der Luftlinie
zwischen seinen Augen
und seinem Ziel.

 

Nicht die winzigste Korrektur.
Weder Schwanken noch Zaudern -

 

Endlich!

 

Doch diese Spuren
von Unbeirrbarkeit

 

(als hörten wir die Sehne
noch schwirren,)

 

vom idealen Erreichen des Ziels
täuschen.

 

Fragt die Piloten!

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S. 329 ©  Anton Hirner, Lauingen


Erste Buchveröffentlichung: H. P. „Was uns nicht loslässt“ , München 1981

 

Pionteks 1981 erstmals erschienenes Gedicht ist auf den ersten Blick einfach; es stellen sich aber bei genauerem Hinsehen einige Fragen. Diese sollen in einer produktionsorientierten Herangehensweise gestellt werden. Damit werden erste Schritte zu einer (schriftlich zu fixierenden) Deutung gemacht, die durchaus kontrovers ausfallen kann.

 

Lehrer wie Schüler sollen hier eine Anregung erhalten, sich kritisch und kontrovers mit dem Gedicht auseinander zu setzen.


Aufgaben:

  • Nimm zunächst aus deiner (Schüler-) Sicht die Aufforderung bzw. den Ratschlag Pionteks an und verfasse eine Anfrage an (einen) Piloten. Darin sollen deine Fragen zum Gedicht, dein Unverständnis bei bestimmten Passagen zum Ausdruck kommen.
  • Vergleicht die Anfragen und klärt, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den Fragen nach der Lektüre vorhanden sind.
  • Verfasse dann ein Antwortschreiben eines Piloten an dich!

 

Die nachfolgenden Vorschläge sind allenfalls als Anregung gedacht. Wir würden uns über weitere Kommentare und Meinungen freuen. Über unser Kontaktformular können Beiträge abgegeben werden.

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Kurzinterpretation - Letzter Weg

Heinz Piontek

 

Letzter Weg

Dem Andenken meiner Mutter

 

1

Selbst als deine Füße
dich nicht mehr tragen wollten,
gingst du uns voran.

 

An diesem sanft sonnigen Tag im März.
Auf einem hellen Weg,
der allmählich in die Höhe führte.

 

Oben im Gras, zwischen Grabsteinen
und dem ausgehobenen Lehm einer Grube,
war für uns,
die deinetwegen Schwarzgekleideten,
kein Weiterkommen.

 

2

Du aber, im Innersten dir Mut zusingend,
brichst dir längst
eine unsichtbare Bahn,

 

Über ein kleines
(sagst du vielleicht zu dir selbst)
werden sie mir folgen,
die mich liebhaben
und heute noch zurückbleiben müssen –

 

werden sich sputen, um mich einzuholen,
die mich liebhaben,
einer nach dem anderen,
fraglos.

 

3

Moy Bo?e kochany.

 

Dankbar werden wir,
bald oder später,
in deine Fußstapfen treten,
wenn sie unversehens vor uns aufschimmern,
als Spur immer weiter vorauslaufen
durch das Unabsehbare,

und auch das Unabsehbare
wollen wir dann
so wenig zu fürchten versuchen


wie du.

Wie du.

 

Heinz Piontek: Indianersommer. Ausgewählte Gedichte. Würzburg 1990. S. 180 f.
Erste Buchveröffentlichung: H. P.: Helldunkel. Gedichte. Freiburg u. a. 1987


Vorbemerkung: Bei den kursierten Worten handelt es sich um Zitate aus dem Gedicht, die eingeklammerten Ziffern verweisen auf die jeweiligen Gedichtteile.

 

Verse, die sich mit dem Tod der Mutter – sie starb 1985 als 90jährige – auseinander setzen! In „Zeit meines Lebens“ (Würzburg, 1994) hatte Heinz Piontek sie porträtiert: die Herkunft aus einfachsten Verhältnissen, ihre Arbeitsamkeit, der frühe Verlust des Mannes, ihre Liebe und Obhut den beiden Kindern gegenüber. Das von ihm selbst als „autobiographischer Roman“ bezeichnete Buch vermied aber auch hier jeden emotionalen Überschwang.

„Mich beeindruckten ihre Neidlosigkeit und Genügsamkeit stärker als die an mich gerichteten Worte. Ich hörte, wie sie von ihren geringen Wünschen erst sprach, nachdem sie diejenigen von uns Kindern zu erfüllen versucht hatte“ (S. 59 f.).

Am Ende heißt es dann: „Nach ihrem fünfzigsten [Geburtstag] kamen dann für sie, die Sesshafte, statt geruhsamer Zeiten zwei Fluchten um das nackte Leben “ –  eine aus Oberschlesien, die andere aus der DDR – „sowie Jahrzehnte des Umherschweifens oder halben Heimischwerdens im Westen“ (S. 433).

 

In „Letzter Weg“ wird darauf verzichtet, ein Bild der Mutter zu skizzieren, die Verse konzentriert sich vielmehr auf ihren und der ihretwegen Schwarzgekleideten Weg zum Grab.

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Kurzinterpretation - Böhmerwald

Heinz Piontek

 

Böhmerwald

 

Nicht leicht zu erklären,
wieso die Träume,
in undurchdringlichen Wäldern geträumt,
von bewachten kleinen Feuern
als tiefblaue Rauchfäden
steilgrad emporsteigen,

 

artistisch,
himmelhoch –

 

Ob sie womöglich
nach höheren Wesen suchen,
die Träume lesen,
durchschauen können –

 

Träume,
so beschaffen
wie jene Wesen im Flug – ?

 

Unten
in undurchdringlichen Wäldern,
die Träumer der Träume
fahrn aus dem Schlaf.

 

für Richard Exner

 

Heinz Piontek: Morgenwache, Gedichte. Würzburg 1991. S. 37

 

Wo die Träume herkommen, darüber haben sich schon viele den Kopf zerbrochen; wie sie zu deuten sind, noch mehr. Eine Unzahl von Büchern beschäftigt sich damit, S. Freud und C. G. Jung haben bei den meisten von ihnen Pate gestanden. Wo aber die Träume hingehen, wohin sie sich verflüchtigen, darüber schreibt Heinz Piontek diese Verse, die in seinem Gedichtband „Morgenwache“ (Würzburg 1991) zu finden und dem Freund und ältesten literarischen Wegbegleiter R. Exner (Germanist und Lyriker) gewidmet sind.


Aber nicht „Träume“ lautet der Titel dieses Gedichts, obwohl sie doch, vierfach genannt, im Mittelpunkt der Verse stehen, sondern „Böhmerwald“, jene sich über 100 km ausdehnende und stellenweise bis zu 50 km breite Bergkette entlang der deutsch-tschechisch-österreichischen Grenze (wobei der zu Deutschland gehörige Teil meist „Bayerischer Wald“ genannt wird). Als „undurchdringlich“ wird dieses Waldgebirge im Gedicht bezeichnet und in der Tat gibt es in ihm forstwirtschaftlich kaum genutzte Teile, die, unter Naturschutz stehend, nahezu Urwaldcharakter besitzen und in denen man ab und zu auch heute noch die Feuer der Kohlenmeiler glimmen und brennen sieht.

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Kurzinterpretation - Unverhofft

Heinz Piontek

 

Unverhofft

 

Ich wiederhols:

 

Zum Laufen hilft nicht schnell sein,                                              
beim Kämpfen nicht stark sein,
in der Kunst nicht Blut und Wasser schwitzen,
im Goldrausch auch kein fieberhaftes Schürfen.

 

Drum gedulde dich, sieh zu, bis du
die Zeit auf deiner Seite hast.

 

Denn ist es an der Zeit,
genügt ihr ein Augenblick;

 

dann überlässt sie dir,
ohne nach deinen Anstrengungen zu fragen,   
und auch dir, Schläfer bis in den Tag,
das volle blendende Glück.

 

Was sonst.

 

Heinz Piontek: Helldunkel, Gedichte. Freiburg 1987. S. 73 ©  Anton Hirner, Lauingen


Das „volle blendende Glück“! Dich für einen Moment deiner Sehkraft beraubend, weil durch das Übermaß an Freude du so geblendet wirst, als wenn du in ein zu starkes Licht schautest und deine Augen vor Glücksschmerz schließen müsstest? Aber was ist denn Glück überhaupt? Eine rein subjektive Empfindung oder nicht doch, wie es uns die antiken Philosophen lehrten, ein Leben in der Übereinstimmung mit vorgegebenen Maßstäben, ganz im Sinne eines honeste vivere (Upian) zum Beispiel? Kannst du dir das Glück mit Fleiß, Ausdauer und harter Mühe schmieden oder fällt es dir jenseits bloßer Selbstanstrengung, dem „pursuit of happiness“, wie es in der United States Declaration of Independence so schön heißt, als dauerhaftes Gefühl einfach zu? Der Sprecher des Gedichts weiß jedenfalls: Nicht bloße Schnelligkeit führt beim Laufen zum Ziel; nicht schiere Stärke lässt dich siegen (die Geschichte von David und Goliath lehrt es), ein Kunstwerk glückt nicht durch schweißtreibende Schufterei am Schreibtisch oder im Atelier; den Riesen-Nugget, den du in deinem „Goldrausch“ suchst, findest du nicht durch Schürfen bis zum Umfallen! Wodurch aber dann?

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Kurzinterpretation - Oderabwärts VI

Heinz Piontek

Oderabwärts

VI

 

Eines Tages,
(zeitgeschichtlich etwas präziser:)
vor einem halben Jahrhundert:

 

Teils-teils-
wie der Dichter sagt.

 

Grenzstriche -
gezogen mit Oderwasser.

 

Stäbe,
weiß-rot, weiß-rot …

 

Und andere Stäbe,
schwarz-weiß...?

 

Weit weg.
Sehr weit,

 

In der Ferne
verschwimmend.

 

Heinz Piontek: Neue Umlaufbahn. Würzburg 1998. S. 104

 

Der letzte zu Lebzeiten Heinz Pionteks erschienene Lyrikband „Neue Umlaufbahn“ (Würzburg 1998) enthält einen bereits zwei Jahre vorher in etwas anderer Fassung in der Zeitschrift „Schlesien“ (Jg. XLI / Heft 3, Würzburg) publizierten Zyklus „Nicht vergessener Strom“. Der Sprecher dieser Folge von sieben Erzählgedichten charakterisiert sich selbst als „Oder-Enthusiast und Schwärmer“. Seine Erinnerungen sind für ihn „Nach und nach verblassende / Gedächtnisfilme“. / Kaum noch lesbare / Gedächtnisprotokolle“ (Gedicht VII). Was er aber erzählt, wird bis ins Detail hinein genau berichtet, so dass eine vielschichtige lyrische Stromfahrt entsteht, die in der neueren deutschen Literatur nicht noch einmal anzutreffen ist.

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Kurzinterpretation Sprachtabus

Heinz Piontek

Sprachtabus

 

Was habe ich mit euch zu schaffen,
heute, bei diesem unbotmäßigen
Morgenleuchten?

 

Ich räume dir Platz ein, Seele,
dem Sinnbild Gold und weisen Herbstwind,
wähle ruhig auch dich, Ferne,
altdorferblaues Wort.

 

Ich greife auf das verschlissene Glück
des Vertrauens zurück,
die mit Schweigen bedachte Freundschaft
unter den Menschen
oder auf Wehlaute der Liebe,
die man den Groschenschreibern überlässt.

 

Aus Oktavbänden hole ich mir den Gesang
in pfirsichfarbenen Röcken
Vorübergereister.

 

Ja, ich sage,
dass wir das Schöne nicht fürchten müssen:

 

den Honig, den Apfel,
den Schwan -

 

dass Umarmungen nicht geschmäht werden können
von schwerer Folter.

 

Noch im Winter wird
Staunen sein
und Zärtlichkeit.

 

Du Wortschatz der Stammelnden und Toten!
Ankommen soll es mir heute
auf eine Kraftprobe
deinetwegen -

 

Der Geist und die Braut sprechen:
Komm.

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.226 ff.
Erste Buchveröffentlichung: Heinz Piontek: Die Zeit der anderen Auslegung. Darmstadt 1976

 

Vorbemerkung: Kursierte Wörter und Wortfolgen sind Zitate aus „Sprachtabus“

 

Die vorliegende Kurzinterpretation zu Pionteks 1976 veröffentlichtem Gedicht ist als Rezension – mehr noch – als „Widerspruch“ konzipiert . Der Interpret entgegnet dem Autor und führt dabei in die literaturgeschichtliche Kontroverse um den Dichter Heinz Piontek ein.

 

Diesem Gedicht, besser: seiner Aussage, soll hier widersprochen werden:

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Künstlerisch kreativer Umgang mit Gedichten Heinz Pionteks

Im Rahmen der Beschäftigung mit einem Autor der Nachkriegszeit  soll der kreative, produktionsorientierte Umgang mit einem literarischen Einzelgänger – Heinz Piontek – erprobt werden. Die Schülerinnen und Schüler des Grundkurses Deutsch (Abiturjahrgang 2009) erhielten verschiedene Aufgaben und Zugangsmöglichkeiten.

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Illustrationen zu Gedichten und Prosa-Texten von Heinz Piontek

Illustration zum Gedicht "Stiller Mann"

Die von Anton Hirner und Hartwig Wiedow 2011 herausgegebene Piontek-Anthologie „Ich höre mich tief in das Lautlose ein“ sollte an geeigneter Stelle im Buch mit Zeichnungen und Skizzen illustriert werden. Nicht nur künstlerisches Beiwerk, sondern auch interpretatorische Auseinandersetzung sollten die zeichnerischen Arbeiten sein. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich im Rahmen des Kunstunterrichts intensiv mit der Möglichkeit, literarische Texte bildnerisch zu begleiten.

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