Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretation - An die Schüler Heisenbergs

Heinz Piontek

An die Schüler Heisenbergs

 

Spanisch
mag euch meine Arbeit
vorkommen:

 

mit dem Gänsekiel.

 

Von den Ergebnissen eurer
unbegreiflichen Apparaturen
denke ich:

 

Überholbar.

 

Nichts wissend,
zeigen wir uns gegenseitig
die kalte Schulter.

 

Getrennt
nähern wir uns dem
übereinstimmenden Grund.

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.167

 

Hat Heinz Piontek vor Abfassung des Gedichts Veröffentlichungen von W. Heisenberg (1901 – 1976) gelesen? Die theoretischen Schriften des Physikers sind für jeden mathematisch-naturwissenschaftlichen Laien unverständlich; Heisenbergs vielbeachtetes populärwissenschaftliches Buch „Der Teil und das Ganze“ kam erst 1969 heraus. Piontek kannte, Heisenberg aber aus Sitzungen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Im Rückblick notierte er „Intensive Beratungen, in denen Heisenberg mit luzider Präzision glänzt.“ („Zur Wirkungsgeschichte eines schreibenden Einzelgängers“. Herausgegeben von Ludwig Steinherr. Zweite Auflage. München 2000, S.1073)
Warum wählte Piontek gerade den Namen „Heisenberg“? Vermutlich schätzte er dessen ganzheitlich wissenschaftlichen Ansatz; er wird zudem von der „Unschärferelation“ als grundlegender Aussage der Quantentheorie gehört haben. Auch das politische Engagement des Physikers (z. B. Mitunterzeichnung  des Göttinger Manifests gegen eine Bewaffnung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen) wird ihm bekannt gewesen sein. Dennoch aber kann davon ausgegangen werden, dass Heisenberg (und seine Schüler) in diesem Gedicht nicht für sich selbst, sondern im Sinne eines pars pro toto für die moderne Physik mit ihren Laien unverständlichen „Apparaturen“ stehen.

Das auf den ersten Blick eingängige Gedicht fällt (gegenüber den Versen in den vorausgegangen Bänden Pionteks) durch seine Einsilbigkeit auf. Alles Schmückende, aber auch alles Chiffrenhafte ist zu Gunsten von betonter Deutlichkeit fortgelassen. Die Strophen fügen sich damit in einen Lyrikband ein, der programmatisch den Titel „Klartext“ trägt. Klartext meint, dass die Gedichte des Bandes und damit auch „An die Schüler Heisenbergs“ eindeutige, gleichsam dechiffrierte Mitteilungen enthalten, die keiner Entschlüsselung mehr bedürfen. Kurze dreizeilige Strophen – lediglich zweimal durch einzeilige unterbrochen – unterstreichen in ihrer Lakonie zusätzlich den stark aussagebetonten Charakter des Gedichts, das dadurch aber auch einen lehrhaften und apodiktischen Zug erhält.

 

Sprachlich auffallend ist zum einen der Gebrauch zweier volkstümlicher Redewendungen: Der Sprecher nimmt an, dass poetische Hervorbringungen Physikern unverständlich oder seltsam erscheinen und benutzt dafür den Ausdruck „spanisch vorkommen“; den Vorgang des auf Nichtwissen beruhenden wechselseitigen Ignorierens beschreibt er mit der Wendung „die kalte Schulter zeigen“. Sprachlich Beachtung verdient auch die Verwendung des  Wortes „Federkiel“. Da der Sprecher seine Arbeit aus einem unterstellten Blickwinkel von Physikern beschreibt („mag euch … vorkommen“), benennt er das von ihm benutzte Schreibzeug (in der Realität gewiss Füller, Kugelschreiber oder Schreibmaschine) mit diesem Ausdruck. Ihm stellt er „Apparatur“ als die Gesamtheit der Gerätschaften, Messinstrumente und Versuchsanordnungen gegenüber, deren sich die Physiker bedienen.

 

Bis zur elften Zeile ist das Gedicht so einfach zu lesen, dass keinerlei Hilfen zu seinem Verständnis nötig sind. Schwierigkeiten ergeben sich erst in den letzten drei Zeilen, in denen zugleich von „trennen“ (im Sinne von unterscheiden) und „übereinstimmen“ die Rede ist.

Wodurch sich die „Schüler Heisenbergs“ vom Dichter unterscheiden, hat der Sprecher dabei mit dem Begriff des „Überholbaren“ deutlich gemacht und durch Einzeiligkeit herausgehoben: Neue Forschungsresultate werden die „Ergebnisse der unbegreiflichen Apparaturen“ irgendwann hinter sich lassen (was, einschränkend sei es hinzugefügt, in dieser generellen Form jedoch nicht zutreffend ist). Für die mit dem „Federkiel“ hervorgebrachten Gebilde, so die hier allerdings nicht in einem Klartext aufscheinende „Botschaft“ des Gedichts, scheint dies jedoch nicht zu gelten! An dieser Stelle fehlt nämlich die Zuschreibung „überholbar“, Konsequenz wohl des traditionellen, wenn nicht traditionalistischen Schönheitsbegriffs, dem sich Heinz Piontek – hier ausnahmsweise mit dem Sprecher des Gedichts gleichgesetzt -  verpflichtet wusste.

„A thing of beauty is a joy for ever: / Its loveliness increases; it will never / Pass into nothingness ...“. Diese ersten Zeilen aus John Keats „Endymion“ (Book I) entsprechen der Position Pionteks, der ausgewählte Gedichte des englischen Romantikers übersetzt hat, recht genau.

 

Die letzten Zeilen sprechen dann mit der Formulierung „nähern wir uns dem übereinstimmenden Grund“ von einem verbindenden Element. Beide, Physiker und Dichter, bewegen sich auf etwas zu, das ihnen jenseits des Unterschiedlichen gemeinsam ist. Der vom Sprecher in diesem Zusammenhang benutzte Begriff des „Grundes“ meint dabei nicht eine Ursache oder Bedingung, die für ein bestimmte Wirkung kausal ist, sondern im Sinne des Arché-Begriffs der antiken Philosophie den Anfang alles Seienden, z. B. den Stoff, aus dem alles besteht, aber auch die Gesetzlichkeiten des Werdens und Vergehens. Beide, Dichtung und Naturwissenschaft, suchen (in je unterschiedlicher Weise) nach Prinzipien des Seienden und damit auch des Erkennens, kurz: nach dem „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (J. W. von Goethe: Faust I, Z.392 f). Die Weltformel, an der die Physik seit Jahrzehnten arbeitet und bei der auch Heisenberg in Richtung einer Erfassung der vielfältigen Beziehungen der Elementarteilchen mitgewirkt hat, lässt sich als einen Versuch ansehen, eben diesen Zusammenhalt darzustellen.

Das so klare und übersichtlich gearbeitete Gedicht Pionteks, in dem man bei flüchtigem Lesen eine leicht holzschnitthafte Dichotomie von Dichtung und Naturwissenschaft wahrzunehmen glaubte, hebt eben diese Dichotomie, die es drei Zeilen vorher noch im Bild wechselseitigen Desinteresses zu unterstreichen schien, am Ende wieder auf. Der Sprecher erblickt im Getrennten Gemeinsames: Beide, Dichter und Physiker, stimmen trotz unterschiedlicher Wege in ihrer Suche nach dem Ziel – in der vorsokratischen Philosophie, insbesondere bei Heraklit, als koinos logos, als gemeinsames oder gemeinschaftliches Weltgesetz, bezeichnet – überein. Insofern verteidigen diese Verse Pionteks das Eigenrecht einer sich im Vergleich zu neuen, „unbegreiflichen Apparaturen“ alter Werkzeuge bedienender Poesie.

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