Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretation - Böhmerwald

Heinz Piontek

 

Böhmerwald

 

Nicht leicht zu erklären,
wieso die Träume,
in undurchdringlichen Wäldern geträumt,
von bewachten kleinen Feuern
als tiefblaue Rauchfäden
steilgrad emporsteigen,

 

artistisch,
himmelhoch –

 

Ob sie womöglich
nach höheren Wesen suchen,
die Träume lesen,
durchschauen können –

 

Träume,
so beschaffen
wie jene Wesen im Flug – ?

 

Unten
in undurchdringlichen Wäldern,
die Träumer der Träume
fahrn aus dem Schlaf.

 

für Richard Exner

 

Heinz Piontek: Morgenwache, Gedichte. Würzburg 1991. S. 37

 

Wo die Träume herkommen, darüber haben sich schon viele den Kopf zerbrochen; wie sie zu deuten sind, noch mehr. Eine Unzahl von Büchern beschäftigt sich damit, S. Freud und C. G. Jung haben bei den meisten von ihnen Pate gestanden. Wo aber die Träume hingehen, wohin sie sich verflüchtigen, darüber schreibt Heinz Piontek diese Verse, die in seinem Gedichtband „Morgenwache“ (Würzburg 1991) zu finden und dem Freund und ältesten literarischen Wegbegleiter R. Exner (Germanist und Lyriker) gewidmet sind.


Aber nicht „Träume“ lautet der Titel dieses Gedichts, obwohl sie doch, vierfach genannt, im Mittelpunkt der Verse stehen, sondern „Böhmerwald“, jene sich über 100 km ausdehnende und stellenweise bis zu 50 km breite Bergkette entlang der deutsch-tschechisch-österreichischen Grenze (wobei der zu Deutschland gehörige Teil meist „Bayerischer Wald“ genannt wird). Als „undurchdringlich“ wird dieses Waldgebirge im Gedicht bezeichnet und in der Tat gibt es in ihm forstwirtschaftlich kaum genutzte Teile, die, unter Naturschutz stehend, nahezu Urwaldcharakter besitzen und in denen man ab und zu auch heute noch die Feuer der Kohlenmeiler glimmen und brennen sieht.

Das in einer durchsichtigen Sprache geschriebene Gedicht – wenige und klare Adjektive, einfache Substantive, begreifliche Satzkonstruktionen! – nennt zwei deutlich getrennte Sphären: „unten“ die „undurchdringlichen Wälder“ mit „bewachten kleinen Feuern“ und träumenden Menschen, „oben“ ein Reich mit „höheren Wesen“ „im Flug“. Eine vertikale Bewegung verbindet dabei das Unten und Oben: Träume steigen wie „tiefblaue Rauchfäden“ „steilgrad“ in der Art von Artisten „himmelhoch“ auf; empor fahren auch die Träumer „aus dem Schlaf“.

 

Bereitet schon die Vorstellung von Träumen, die wie Rauch emporsteigen, Schwierigkeiten, so noch mehr jene von fliegenden „höheren Wesen“, die Träume „lesen“ und „durchschauen können“. Um was oder wen handelt es sich hier? Auskunft gibt die mit einer zweifacher Ungewissheit (s. die Verwendung der Konjunktion „ob“ und des Adverbs „womöglich“) belegte dritte Strophe: „Ob sie womöglich / nach höheren Wesen suchen //“. Vielleicht, aber eben nicht: bestimmt, „suchen“ die Träume nach „jenen Wesen im Flug“; fraglich ist es jedoch, ob sie von diesen dann auch verstanden werden. Wer nun und welcher Natur diese fliegenden Geistwesen – den Sinn von etwas zu erfassen, setzt „Geist“, also kognitive Fähigkeiten voraus! – sind, bleibt in dem Gedicht offen, jedoch verdient in diesem Zusammenhang die Strophe „Träume, / so beschaffen / wie jene Wesen im Flug //“ besondere Aufmerksamkeit. Die Träume sind also gleichsam aus demselben Stoff wie die zur ihrer Ausdeutung fähigen „höheren Wesen“ und darum sind diese möglicherweise in der Lage, jene zu deuten.


Dieses auf den ersten Blick rätselhafte Bild lässt sich mit Hilfe der auf den Philosophen Plotin (205 - 270) zurückgehenden epistemologischen Lehre entschlüsseln, Erkenntnis („Durchschauen“) setze eine im Inneren des erkennenden Subjekts angelegte Disponiertheit auf das zu erkennende Objekt voraus: „Nie hätte das Auge die Sonne gesehen, wäre es nicht selbst sonnenhafter Natur“, so Plotin in seiner „Astronomica“. (Vergl. den sehr ähnlichen Gedanken in Goethes Versen aus den Zahmen Xenien:  „Wär nicht das Auge sonnenhaft, / Die Sonne könnt es nie erblicken // Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, / Wie könnt uns Göttliches entzücken?   “).
Darüber hinaus sollte man sich jeder weiteren Spekulation über die Natur dieser „höheren Wesen“ enthalten und sie auf keinen Fall symbolisch, z. B. unter Bezug auf eine wie auch immer geartete Engelslehre zu erklären versuchen. Es handelt sich ganz offensichtlich um ein bloßes „Bild“, das keinen Bezug zu irgendwelchen realen Erscheinungen hat, um eine Imagination, die sich der Sprecher in einem wie auch immer gearteten Bewusstseinszustand macht. Diese Phantasievorstellung, wie man sie auch bezeichnen könnte, stellt eine Art Bilderfolge dar, die (damit selbst dem Traum verwandt!) nicht rational zergliedert, sondern nur auf ihre innere Stimmigkeit hin untersucht werden kann.

 

„Böhmerwald“ weist so gesehen eine Verschlossenheit auf, die sich gegenüber jeder Öffnung sperrt. Die Problematik eines solchen Gedichts liegt – das muss offen ausgesprochen werden – dann darin, dass wahrscheinlich „private“ Metaphern verwendet werden, die auf Grund ihrer Unauflösbarkeit  Lesern den Zugang erschweren oder sogar unmöglich machen, zu deren (in den allermeisten Fällen  ja auch notwendigen und weiter führenden) Übung es gehört, der Metaphorik eines Gedichts auf den Grund zu gehen.

 

„Offen“ bleibt dann in diesem Zusammenhang auch das Ende des Gedichts: „die Träumer der Träume / fahrn aus dem Schlaf.“ Warum? Haben sie etwa über ihre Träume und „jene Wesen im Flug“ geträumt? Ist etwa die das Gedicht tragende Imagination selbst ein Traum, eine Art Phantasmagorie?

 

Warum hat Piontek als Schauplatz für seine „Eingebung“ ausgerechnet den Böhmerwald gewählt? Weil er nach seiner Entlassung aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft eine kurze Zeit im oberpfälzischen Waldmünchen verbracht und hier den Beginn einer Art zweiten Lebens gesehen hat? „In Reinheit, Schnee und Kühle / hab ich der Welt vertraut“, heißt es in dem sehr frühen Gedicht „Waldmünchner März“. Es wird aber gewiss auch ein Reflex seiner Beschäftigung mit dem Werk des österreichischen Schriftstellers Adalbert Stifter (1805 – 1868) sein, dessen erzählende Prosa häufig den Böhmerwald zum Gegenstand hat und in dem Träume oft eine große Rolle spielen („Witiko“, „Der Hochwald“, „Bergkristall“ usw.).

 

In einem Gedicht Pionteks „Erscheinung eines Schulrats“ – A. Stifter war von 1853 bis zu seinem Tod Schulrat (Beamter einer Schulaufsichtsbehörde) – heißt es 

„Was er schrieb, ist mir böhmisch, / ihr Leser, Geisterseher! // ... … Fast ideal hat er Wälder, / die bis in unserer Brust sich verzweigen, / in Blei gießen lassen: // den grünen Augenaufschlag von Sätzen / für immer. // ...“

 

Wir tragen, so Piontek, Wälder mit ihrem dichten Gezweig als „unbewusstes Vorstellungsbild“ (als „Imago“ im Sinne von C. G. Jung) in uns. Stifter hat, folgt man den zitierten Gedichtzeilen, den „undurchdringlichen“ Böhmerwald in seinen Prosaarbeiten wie einen Bleiguss zu einem dauerhaft haltbaren Kunstwerk gestaltet, das dann gleichsam stellvertretend für alle Wälder steht.

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