Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretation - Im blauen Juni 45

Heinz Piontek

 

Im blauen Juni 45

 

Einschlafen

 

Nachts war nichts
zu vernehmen

 

Kein irres Klappern
von Gasmasken und Trinkbechern.
Kein Pferdewiehern.
Keine Detonationen.

 

Wir legten uns zurück
und fielen
in Dunkel

 

wie in einen Schuh,
Kindheit genannt.

 

Lernen

 

Neben ihren Ochsengespannen
redeten Einheimische
wunderlich auf uns ein.

 

Wir versuchten es zu erraten.

 

Unsere Ältesten sprachen
sorgenvoll von siebenhundert Kilometern,
die sie von ihren jungen Frauen
trennten.

 

Wir versuchten es zu begreifen.

 

Die ersten Zeitungen:
wie weiß auf schwarz
gedruckt.

 

Nur das Wort Frieden
lief mühelos
von Mund zu Mund
eindeutig,

 

auf deutsch und englisch.

 

Heinz Piontek: Werke in Sechs Bänden. Band 1. Früh im September. Die Gedichte. Gedichte aus fremden Sprachen. München 1982. S.242 ff.

 

Vorbemerkung: Zu den mit * gezeichneten Publikationen s. „Bibliographische Angaben“ am Ende dieses Beitrags.

 

In Heinz Pionteks „Wie sich Musik durchschlug“ (Hamburg 1978) findet sich eine Folge von fünf Gedichten „Im blauen Juni 45“, in denen sich ihr Verfasser nach nahezu drei Jahrzehnten mit dem Ende des Krieges, seiner kurzen Kriegsgefangenschaft und den ersten Monaten nach seiner Entlassung auseinandersetzt. Mit der Gefangenschaft und Heimkehr behandelnden Lyrik, die Hans Werner Richter in der Anthologie „Deine Söhne, Europa, Gedichte deutscher Kriegsgefangener“ (München 1947)  gesammelt hat, haben diese Gedichte Pionteks nichts gemein. Sieht man von den Versen Günter Eichs, darunter vor allem das poetische Traditionen denunzierende Gedicht „Latrine“* („ … Irr mir im Ohre schallen / Verse von Hölderlin, / in schneeiger Reinheit spiegeln / Wolken sich im Urin. //“) und „Inventur“*, einer „der für die Stunde der totalen Verarmung und Entblößung Deutschlands im Jahre 1945 aussagekräftigsten poetischen Texte überhaupt“ (J. Sartorius), einmal ab, so stößt man in dieser Zusammenstellung auf eine große Zahl von herkömmlichen Mustern verpflichteter, meist nur das eigene Schicksal beklagender und Trost im Schönen suchender Verse. Auch spätere Gedichte zu dieser Thematik ändern an diesem Befund kaum etwas.

Die Gedichtfolge „Im blauen Juni 45“ – „blau“, weil ein besonders sonnenreicher Sommer herrschte, die blaue Farbe aber seit der Romantik auch für Sehnsucht und Klarheit steht – hat einen deutlichen autobiographischen Hintergrund. Piontek, der seit 1943 als Wehrmachtssoldat am Krieg teilnehmen musste, geriet vermutlich am 8. Mai 1945 (als nicht einmal Zwanzigjähriger) im Bayerischen Wald in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde im Kriegsgefangenenlager PWE Kötzting (US-Brigade Wichec) interniert. Bereits am 25.5. entlassen, hauste er bis Ende August 1946 dann in einem Gartenhaus in Waldmünchen (Oberpfalz).

Piontek hat nach den beiden frühen Gedichten  „Großer Arber 1945“ („ ... Die Schuld ist noch nicht durchlitten / und du erbettelst dir Brot. // “ ) und „Waldmünchner März“, wo es dann schon heißt: „In Reinheit, Schnee und Kühle / hab ich der Welt vertraut //“ sehr lange gewartet, bis er über diese erste Nachkriegsmonate wieder geschrieben hat.

In einem Beitrag „Damals, im Bayerischen Wald“*, 1978 verfasst für einen Sammelband, fand er  nachdenkliche Prosasätze für seine damalige Lage: „Stille. Furchtbare Stille. Ich hörte die Skelette schweigen, die Henker in ihren Verstecken den Atem anhalten. Das ganze Land abgebrannt. Und ich hatte zwei Jahre lang Mädchen und Kinder und Henker gedeckt mit der Waffe in der Hand. Es war Zeit, sich das klar zu machen“ (S. 30). Im gleichen Jahr dann die fünf Gedichte „Im blauen Juni 45“ über die unmittelbar an die Gefangenschaft anschließende Zeit der Entlassung, die aber für ihn keine Heimkehr bedeutete, weil seine Heimat Oberschlesien an Polen gefallen war. Die Verse erzählen zwar von diesen Monaten, man kann sie aber nicht, zumindest nicht die beiden hier ausgewählten, als Erzählgedichte im üblichen Sinne bezeichnen, weil die narrative Perspektive auf ein nur sehr kleines Wirklichkeitssegment gerichtet ist, auf eine Situation, verstanden als Gebundenheit an eine genau bezeichnete „Umgebung“ im Sinne eines Zusammenhangs von Sachverhalten, denen sich der Sprecher gegenüber sieht. Und eben diese spezifische Umgebung unterscheidet sich erheblich von den katastrophalen Überlebensbedingungen auf verschlammten Wiesen unter freiem Himmel („Rheinuferlager“, z. B. bei Remagen und Sinzig), die Günter Eich in seinen „Lagergedichten“ aufgerufen hat. Gleich zu Anfang des Zyklus „Im blauen Juni 25“ heißt es „Als aus dem Bayerischen Wald / die Trompete der Amerikaner / fröhlich zur Essenszeit blies.“ und im Titelgedicht „Wie sich Musik durchschlug“ ist davon die Rede, dass ein Mädchen „von der Front im Norden … / mit nichts / als einem staubigen Geigenkasten“ sich in den Bayerischen Wald durchgeschlagen hatte, „mittags ... / in den Essraum / der Gemeinschaftsküche / (Armenküche)“ kam und „bevor sie verschwand, … für uns / alle vier Saiten“ anstrich. „Ahnungsvoll begrüßten wir / das Überleben eines klassischen Themas.“. „Unzeitgemäße Idyllen“ schrieb ein Kritiker zu dieser Gedichtfolge. Wie falsch! Es sind keine Idyllen, sondern Gedichte einer abwartenden Gelassenheit und vor allem eines dankbaren Erstaunens, dass man überlebt hatte und sich trotz großem Hunger wenigstens etwas zu essen auftreiben ließ („wir pfiffen … vor Hunger durch die Zähne“ heißt es im Eingangsgedicht des Zyklus und in dem genannten Prosatext steht „Bloß nach dem Hunger musste ich mich richten, immer gähnte er in mir wie eine Schlucht, dagegen kam auch die Gemeinschaftsküche nicht an“); dass ein „klassisches Thema“ und daher die Ahnung von etwas Maßstabsetzendem in eine ins Chaos zu versinkende Welt hineingetragen worden war und in einem „powere[m] Schwimmbecken“ sich „brünette Studentinnen und eine Blonde / von der Militärregierung // lustig und gut anzusehen / in ihrem Badesachen //“ einfanden (“Treffpunkt Badeanstalt“, das zweite Gedicht des Zyklus).

Die hier ausgewählten Gedichte des Zyklus sprechen von den zwei sehr elementaren Situationen, des Einschlafen und Lernens, in denen sich der Sprecher im Juni 1945 unter von seinen bisherigen Lebensumständen völlig abweichenden „Umgebungen“ befindet.
„Einschlafen“: Schon in dem oben genannten Prosabeitrag hatte es geheißen: „Und dann das Einschlafen im Frieden, das Bewusstsein, man würde nicht aus dem Schlaf gerissen werden, weder vom Wachtposten, die abgelöst werden sollten, noch Alarmen, noch Krach, noch Krepieren“ (S.29). In den Zeilen 3 - 5 des Gedichts wird die Situation des Soldaten, der „Krach“, dem er ständig ausgesetzt gewesen war, mit wenigen Substantiven genau eingekreist. Die jetzt zum ersten Mal erfahrene Friedenssituation des entspannten Zurücklehnens ist eine von Ruhe und Stille, in der man  sich ins Dunkle „wie in einen Schuh, / Kindheit genannt“ zurückfallen lässt. Ein ungewöhnliches Bild: die Kindheit als Schuh! Zum Verständnis kann der Beitrag „Damals, im Bayerischen Wald“ helfen, in dem es heißt: „Nicht zu vergessen. Ohne die schweren Reitstiefel lief ich barfuß durchs Gras, zum höchsten Punkt des Gartens, wo ich Sicht nach allen Seiten hatte“ (S. 30). Ohne die zu einer Uniform gehörigen Stiefel den Blick ins Freie, ein Traum von den einst die Füße beschützenden (Kinder-)Schuhen – das sind für den Sprecher ganz einfache Zeichen von Frieden! Ein für heutige junge Menschen mit modischen Sneakers wahrscheinlich nur schwer nachvollziehbare Bild!
„Lernen“: Das Lerngelegenheiten (und -orte) der vergangenen „zwölf“ Jahre, Unterricht nach  nationalsozialistisch kontaminierten Lehrplänen, Schulhöfe, auf denen statt Smartphone-Bildern Rommel- und Prien-Postkarten getauscht wurden, „Dienst“ und Lieder in der HJ, die weltanschauliche und soldatische Unterweisung in der Wehrmacht, sind nun passé, statt dessen neue, ganz andere Lernsituationen. Drei von ihnen akzentuiert das Gedicht: Verständigung mit den Nordbairisch (Waidlerisch) sprechenden Einwohnern, denn für die wer weiß woher stammenden, andere Dialekte oder Schriftdeutsch Sprechenden war diese Mundart so „wunderlich“, dass Wortbedeutungen regelrecht „erraten“ werden mussten. Sodann  den Versuch der jungen Männer, „zu begreifen“, welche Sorgen den älteren die in der Entfernung unüberwindbare Trennung von ihren Ehefrauen bereitete. Und schließlich dann die ersten Zeitungen! Schwieriges galt es hier zu lernen, denn alles war anders als in der vom „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ gelenkten Presse, wie der Sprecher mit dem so anschaulichen und treffenden Bild des statt schwarz auf weiß umgekehrt Gedrucktem klar macht („freie Kommunalwahl“ – die ersten wurden Mai 1946 in Bayern und damit auch in Waldmünchen abgehalten – war ein solch neuer Begriff und „Demokratie“). Aber für das Verständnisses des Wortes „Frieden“ / „peace“ brauchte niemand eine Hilfe, jeder wusste, was gemeint war! „Lernen“ ist also wie „Einschlafen“ ein Gedicht über das Glück aber auch über die durch Lernen lösbaren Schwierigkeiten des Friedens nach einem so unheilvollen Krieg.
Die beiden Gedichte Pionteks, die vielleicht besten des gesamten Zyklus, sind zwar nicht frei von Makeln, die Sprache ist an einigen Stellen etwas abgegriffen („nichts war zu vernehmen“, „lief von Mund zu Mund“), das Bild von der Kindheit als Schuh etwas sehr gesucht. Sie stellen aber das Glück der ersten Friedensstunde in anschaulichen Bildern dar und lassen jene Atmosphäre von Dankbarkeit und Gelassenheit spüren, von der oben bereits die Rede war.

Bibliographische Angaben:

 

Heinz Piontek: Damals, im Bayerischen Wald. In: Bartel F. Inhaber: Hier lebe ich. Landschaften und Orte, gesehen von deutschen Schriftstellern. Rosenheim 1978. S. 25 ff.

 

Waldmünchner März. In: H.P. „Die Furt“. Esslingen 1952. S. 20 (unter dem Titel „Frühjahr 46“ in H. P. „Früh im September“. S. 13). „Großer Arber“: Die Furt. S. 26. („Früh im September“. S. 44).

 

vergl. auch:
Stunde der Überlebenden. Autobiographischer Roman. Würzburg 1989.
http://www.heinz-piontek.de/ Leben / Gefangenschaft und Neuanfang

 

G. Eich: „Latrine“, „Inventur; „Camp 16“. In: G. E.: Gesammelte Werke in vier Bänden. Band I- Die Gedichte / Die Maulwürfe. Hrsg. Von Axel Vieregg. Frankfurt 1991

 

Hartwig Wiedow

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