Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretation - Oderabwärts VI

Heinz Piontek

Oderabwärts

VI

 

Eines Tages,
(zeitgeschichtlich etwas präziser:)
vor einem halben Jahrhundert:

 

Teils-teils-
wie der Dichter sagt.

 

Grenzstriche -
gezogen mit Oderwasser.

 

Stäbe,
weiß-rot, weiß-rot …

 

Und andere Stäbe,
schwarz-weiß...?

 

Weit weg.
Sehr weit,

 

In der Ferne
verschwimmend.

 

Heinz Piontek: Neue Umlaufbahn. Würzburg 1998. S. 104

 

Der letzte zu Lebzeiten Heinz Pionteks erschienene Lyrikband „Neue Umlaufbahn“ (Würzburg 1998) enthält einen bereits zwei Jahre vorher in etwas anderer Fassung in der Zeitschrift „Schlesien“ (Jg. XLI / Heft 3, Würzburg) publizierten Zyklus „Nicht vergessener Strom“. Der Sprecher dieser Folge von sieben Erzählgedichten charakterisiert sich selbst als „Oder-Enthusiast und Schwärmer“. Seine Erinnerungen sind für ihn „Nach und nach verblassende / Gedächtnisfilme“. / Kaum noch lesbare / Gedächtnisprotokolle“ (Gedicht VII). Was er aber erzählt, wird bis ins Detail hinein genau berichtet, so dass eine vielschichtige lyrische Stromfahrt entsteht, die in der neueren deutschen Literatur nicht noch einmal anzutreffen ist.

Liest man, vielleicht etwas flüchtig, das oben abgedruckte kurze Gedicht, so vermittelt es den Eindruck, es habe den heutigen Grenzverlauf an oder besser: im Flussbett der Oder zum Thema. Von der Einmündung der Neiße bei Ratzdorf bis zwei Kilometer nördlich des uckermärkischen Mescherin bildet seit „einem halben Jahrhundert“ – gemeint ist das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945, das den Grenzverlauf faktisch festlegte – die tiefste zusammenhängende Stromrinne die deutsch-polnische Grenze. In unregelmäßigen Abständen am Ufer angebrachte Grenzpfähle mit den Landesfarben verweisen auf das jeweilige staatliche Territorium. „Grenzstriche - / gezogen mit Oderwasser“. Die Grenze zwischen Deutschland und Polen konnte hier nicht als feste Linie markiert, sie musste vielmehr dem fließenden und damit seinen Verlauf stets ändernden Wasser gleichsam eingeschrieben werden, so dass sie also bei Veränderungen des Strombetts geringfügig modifiziert wird. Mag für den Fluss als einem „Stück“ Natur die einer historisch-politischen Entwicklung geschuldete Grenzziehung auch ohne jede Bedeutung sein, so nicht für die Staaten und die Menschen dieses Raumes.

In sehr zurückhaltender Form bringt der Sprecher der Verse durch einen Verweis auf das Gedicht „Teils – teils“ von Gottfried Benn (1954) einen tiefer liegenden Zusammenhang zum Ausdruck. Die entscheidenden Zeilen lauten:

Nun längst zu Ende / graue Herzen, graue Haare / der Garten in polnischem Besitz, / die Gräber teils-teils / aber alle slawisch, / Oder-Neiße-Linie / für Sarginhalte ohne Belang / ...“ (Gottfried Benn: Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Mit einer Einführung herausgegeben von Bruno Hildebrand. Frankfurt 1982. S. 443).

Es existieren, so kann das auf die Trennung des einstmals zusammen gehörigen Raumes anspielende Zitat „teils – teils“ gelesen werden, Vorgänge und Geschehnisse, die von wechselnden Ereignissen wie Besitz- und Souveränitätsänderungen nicht berührt werden. Die Grenzziehung mag für vieles von Bedeutung sein, aber eben nicht für die Natur oder ein Stück von ihr, wie es die Verstorbenen in ihrem Totsein („Sarginhalte“) nun einmal sind.


Das Gedicht hebt mit „Eines Tages, / (zeitgeschichtlich etwas präziser:) / vor einem halben Jahrhundert“ eigentümlich, um nicht zu sagen: befremdlich, an. Die adverbial gebrauchte Angabe „Eines Tages“ verweist (ähnlich wie „dereinst“) auf eine nicht genau bestimmbare, auf jeden Fall aber weiter zurückliegende Zeitperiode. Diese Unbestimmtheit wird jedoch vom Sprecher durch eine exakte Zeitangabe mit ausdrücklichem Hinweis auf historische Genauigkeit wieder aufgehoben, wobei diese genaue Angabe aber durch Einklammerung eher als Nebensächlichkeit  erscheint. Was bezweckt der Sprecher mit diesem merkwürdigen „Spiel“ gleichzeitig ungenauer und genauer Angaben? Sie sind auch bei den auf den ersten Blick nicht verständlichen, für das Gedicht aber entscheidendes Bild der verschieden farbigen Grenzpfähle auszumachen. Bei „weiß-rot“ handelt es sich um die Nationalfarben Polens, „schwarz-weiß“ dagegen waren die seit 1945 nicht mehr existierenden preußischen Staates, der aber, bis 1945 nicht nur das rechte, sondern auch linke Oderufer belegend, in diesem Raum niemals Grenzen zu markieren brauchte! Es wäre aber eine voreilige, ja sogar falsche Schlussfolgerung, auf Grund dieser geschichtlichen Tatsache in dieser Stelle einen historischen Fehler zu erblicken. Übersehen würde nämlich dann ein im Zusammenhang des Gedichts entscheidendes Satzzeichen am Ende der Zeile 11, das beachtet werden muss: Mit der Farbaussage „schwarz-weiß“ wird hier (im Gegensatz zu „weiß-rot“) eben keine Feststellung getroffen, sondern eine Frage aufgeworfen! Warum aber stellt der Sprecher eine solche bei jedem auch nur flüchtigen Blick auf eine historische Landkarte sich sofort als unsinnig herausstellende Frage?

Zieht man die oben genannte Zeitschriftenfassung des Gedichts heran, so findet sich auch hier keine Antwort, sie zeigt vielmehr, dass Piontek lediglich die Farbwahl geändert hat. Dort heißt es noch: „Stäbe, / weiß-rot, weiß-rot... / Und andere Stäbe. / Rot-weiß ...? //“  Rot-weiß aber sind die Farben der sich ehemals auf beiden Seiten der Oder erstreckenden preußischen Provinz und des heutigen rechtsodrigen Bundeslandes Brandenburgs; sie unterscheiden sich von den polnischen nur durch ihre umgekehrte Reihenfolge oder Anordnung.

Im Schlusssatz des Gedichts wird dann noch einmal die Unbestimmtheit seiner Aussagen betont: „Weit weg. / Sehr weit, // In der Ferne / verschwimmend.“ Was nicht nur weit entfernt ist, sondern sogar in der Ferne verschwimmt, lässt sich jedoch kaum noch erkennen. Auch die Farben der Grenzpfähle nicht!


Zeichnet man das Gedicht (wie es oben versucht wurde) nach, so lässt sich erkennen, dass es sich eher beiläufig mit der heutigen konkreten Grenzziehung im Oberwasser befasst, in erster Linie vielmehr mit der Problematik der Zeitlichkeit. Auf welche gleichzeitig vorhandenen und wirksamen  „Zeitschichten“ (Koselleck) unterschiedlicher Herkunft beziehen sich eigentlich die Aussagen,  denn offensichtlich sprechen die Verse nicht von einer einheitlichen Zeit, sondern von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen?

Es soll versucht werden, sich einer Antwort mit Hilfe der französischen Schule der Annalisten zu nähern. Die Ercole des Annales unterscheidet drei Zeitschichten: Die unterste Schicht (histoire quasi immobile) wird gebildet von der unmerklich fließenden Geschichte der Flüsse und Gebirge usw., des Klimas, aber auch der Land- und Seewege. Darüber befindet sich die als longue durée bezeichnete Geschichte der in langsamen Rhythmen verlaufenden größeren gesellschaftlichen, kulturellen, ökonomischen und politischen Strukturen. Ganz an der Oberfläche liegt dann die histoire événementielle der kurzfristigen politischen, wirtschaftlichen u. a. Geschehnisse. Bestimmte geschichtliche Ereignisse verlieren dabei in einer„longue-durée“-Perspektive (oder gar in der von histoire quasi immobile) an Gewicht. –Bereits der Auftakt des Gedichts macht klar, dass der Sprecher neben der histoire événementielle (Zeitgeschichte!) eine längere Zeitperspektive („Eines Tages“) im Auge hat, die er durch das Benn-Zitat und durch das Paradox, dass sich Grenzstriche eben nicht im Wasser ziehen lassen, betont.

Die Grenzmarkierung durch die Farben „weiß-rot“ bezieht sich auf die augenblickliche Situation. Bei den zu keiner Zeit dort angebrachten „schwarz-weißen“ Markierungspfählen handelt es sich aber nicht etwa um eine revisionistische Forderung, sondern nur um eine sich auf die lange Sicht (longue durée) beziehende historisch-politische Spekulation. Aus großer zeitlichen Ferne („weit weg. / Sehr weit...“) betrachtet kommen und gehen solche Grenzpfähle. „Eines Tages“ werden vielleicht keine mehr am Ufer der Oder stehen. (Im Gegensatz zu „rot-weiß“ in der Zeitschriftenfassung könnte „schwarz-weiß“ Missverständnisse im Sinne von „political incorrect“ hervorrufen. Allerdings, wie gezeigt wurde, vollkommen unbegründet!

 

Es handelt sich also um ein Gedicht, das sich mit dem „Gestern“ im Heute, aber auch mit dem möglichen „Morgen“ im Heute befasst. Die Verortung historischer Prozesse in eine langfristige Perspektive hat seit jeher zum Themenspektrum der Lyrik Pionteks gehört; sie wurde immer dann zu einem problematischen Blick in die Geschichte, wenn Zusammenhänge und Vorgänge überzeitlich, wenn nicht sogar mythisch überhöht wurden! Der Leser des Gedichts sollte sich also fragen, ob und inwieweit dies hier der Fall ist.

 

Die Form des Gedichts entspricht der gewollten Unbestimmtheit seiner inhaltlichen Aussagen. Ihr gleichsam schwebender Charakter wird unterstützt, indem nach der dritten Zeile ein Doppelpunkt erscheint; das nachfolgende „teils-teils“ kann dadurch auch auf „Eines Tages“ –  „zeitgeschichtlich etwas präziser“ bezogen werden.

Ähnliches gilt auch für die mit einem Fragezeichen versehene Farbangabe „schwarz-weiß“ in der elften Zeile. Die dann folgenden drei Auslassungspunkte schaffen eine Verbindung zu den folgenden Zeilen: Die Stäbe sind „weit weg“, ihre Farben verschwimmen „in der Ferne“. Auch die dominierend eingesetzte Zweihebigkeit korrespondiert mit einer nur zeichenhaften Andeutung von inhaltlichen Elemente im vorliegenden Gedicht.

 

Hartwig Wiedow

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