Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretation - Untergang der Scharnhorst

Das Schlachtschiff Scharnhorst 1939/40

Heinz Piontek

Untergang der Scharnhorst

 

Dem Andenken meines Freundes,
des Fähnrichs zur See, Gerhard Mach

 

Hinunter von den schiefen Decks!
Das große Gefecht. Der große Himmel des Winters.
Die See bedeckt sich mit heißer Angst.

 

Nie setzte deine Mutter den Fuß auf Muscheln
und angetriebenes Holz.
Schräg die Augen wie von Chinesinnen,
ihr Rücken war streng, preußisch.

 

Mach dich auf, sie zu suchen -
hinter der harten Luft und den frommen Kometen:
die Tote, die dich beweinen soll.

 

Auf der Salzflut treibt dünnes Eis. Dir reißt es
die Lippen, die Wangen blutig.
Nach dem Tumult ertrinken nun lautlos
die Schwimmer um dich her.

 

Ihr Blaujacken! Kameraden!

 

Fremde Geschwader, die Häfen anlaufend,
werden in deinen Augen
zierlich wie blaugraues Glas.

 

Am anderen Morgen der warme flockige Luftstrom,
süßer Geruch einer Küste?
Nun schneit es Blüten auf das offene Meer.
Du sinkst mit ihnen.

 

Heinz Piontek: Indianersommer. Ausgewählte Gedichte. Bergstadtverlag, Würzburg 1990, S. 51; vergl. a. Heinz Piontek: Ich höre mich tief in das Lautlose ein. Frühe Lyrik und Prosa. Herausgegeben von Anton Hirner und Hartwig Wiedow. Berlin / Schmalkalden 2011. S. 75

 

Die Auseinandersetzung mit dem 2. Weltkrieg und seinen Folgen durchzieht bereits das Frühwerk Heinz Pionteks, der selbst direkt von der Schulbank zum Kriegsdienst verpflichtet wurde. Im Zyklus „Erstandene Stimmen“ – wie „Untergang der Scharnhorst“ im dritten Gedichtband Pionteks („Wassermarken“, 1957) zu finden – stehen die Zeilen „Du Bürde Krieg, du Berg, du wüste Last -, / für alle Schrift zu schwer und nicht zu fassen“. Die dem Andenken seines Kreuzburger Jugend- und Sportfreunds Gerhard Mach gewidmeten Verse stellen einen der zahlreichen Versuche Pionteks dar, mit dieser „wüsten Last“ fertig zu werden.

Hintergrund des Gedichts ist die am 26.12.1943 nach mehrstündiger Seeschlacht durch britische Torpedo- und Geschütztreffer erfolgte Versenkung des deutschen Schlachtschiffs „Scharnhorst“, 160 km nördlich des Nordkaps. Das manövrierunfähig geschossene Schiff stand gegen 19:30 Uhr in Flammen und hatte eine starke Schlagseite nach Steuerbord; eine riesige Explosion trennte zuletzt den vorderen Teil des Schiffs vom restlichen Rumpf; die Scharnhorst sank dann ab 19:45 Uhr. Nur 36 der wahrscheinlich 1840 Mann starken Besatzung konnten von einem britischen Schiff gerettet werden. Hunderte der bei einem Schneesturm im eiskalten Wasser ertrinkenden Matrosen sollen, wie ein Überlebender berichtete, „Auf einem Seemannsgrab blühen keine Rosen“ gesungen haben.

 

Gegenstand des in freien Rhythmen und in einer durchsichtigen Sprache geschriebenen Gedichts ist die letzte halbe Stunde der „Scharnhorst“, in der große Teile der Besatzung, unter ihnen Gerhard Mach, massenhaft von den durch die starke Schlagseite „schiefen Decks“ gerissen wurden (oder sprangen).

Die Verse imaginieren den Tod des Freundes, den der Sprecher selber aber nicht erlebt hat. Er steht vielmehr, wie das die erste Strophe eröffnende Adverb deutlich macht, „hinter“ (oder auch „über“) dem faktischen Geschehen, das sich unter einem „große(n) Himmel des Winters“ gleichsam von ihm weg vollzieht. Nur wenige Worte reichen aus, um die entsetzlichen Ereignisse wiederzugeben: „ großes Gefecht“, die „heiße Angst“ der „von den schiefen Decks“ Herabstürzenden, eine „dünnes Eis“ treibende „Salzflut“, dem Freund das Gesicht „blutig reißend“; das chaotische Getümmel („Tumult“) der um ihr Leben kämpfenden und dann ertrinkenden Matrosen. In der fünften, nur aus einer Zeile bestehenden Strophe verlässt der Sprecher seine Position und ruft den sterbenden Matrosen „Blaujacken! Kameraden!“ zu.

Aber nicht die äußeren Begebenheiten des Stunden mit den anderen Matrosen um sein Leben kämpfenden Freundes („am anderen Morgen ...“) stehen im Mittelpunkt des Gedichts, sondern der Versuch, sich seinen Tod zu vergegenwärtigen. Das Sterben des Freundes sieht der Sprecher als eine Art Aufbruch, seine tote, weit schon hinter die reale Welt der „harten Luft“ des Nordmeers, aber auch der Sterne entrückte Mutter zu suchen, die den Sohn beweinen soll. Meer und Küste, seine Lebenswelt, blieben ihr unbekannt. Er zeichnet ein genaues Bild der Mutter mit ihren charakteristischen Gesichtszügen und dem straffen Rücken, wobei durch die Wortfolge „streng, preußisch“ ihre Haltung, Gelassenheit in schwierigen Situationen, und ihr Pflichtbewusstsein, ausgedrückt wird. In den das Gedicht beendenden Strophen schwebt dem Sprecher dann die Hoffnung vor, das Ertrinken des Freundes sei zuletzt doch kein grausamer Tod gewesen: Die riesigen Großkampfschiffe – allein die „Scharnhorst war 235 m lang und 30 m breit –  erscheinen ihm in seinem Sterben auf einmal „zierlich wie blaugraues Glas“. Kann man im „warmen, flockigen Luftstrom“ – im Europäischen Nordmeer, dem „Grab“ des Freundes, herrschen Temperaturen von max. 10 Grad! – nicht eine „süße Küste“ riechen? Und statt Schnee fallen „Blüten auf das offene Meer“.

 

Pionteks Gedicht ist gelegentlich von Seiten der literarischen Kritik damit gemaßregelt worden, es stelle sich nicht dem Entsetzen des Krieges und beschwichtige unzulässiger Weise seine Grausamkeiten. Gerade bei diesen Versen ist ein solcher Vorwurf aber völlig unangebracht. Die leicht erkennbare Intention des Gedichts liegt eben nicht darin, mit den Mitteln des von Piontek sonst souverän gehandhabten narrative poems die Versenkung der Scharnhorst und die damit verbundenen, im Gedicht mit sparsamen, aber genauen Worten umrissenen Schrecken des Seekriegs zu erzählen, wobei schon gleich zu Anfang jedem Heroismus und jeder unangemessene Verklärung das Bild von der „heiße Angst“ entgegen gesetzt wird. Die Verse, in denen, um den persönlichen Anredecharakter zu unterstreichen, mehrere Male das Personalpronomen der zweiten Person benutzt wird, wollen vielmehr, ganz im Sinne einer Totenklage, des in den Fluten zusammen mit den vielen anderen elend ertrinkenden Freundes gedenken, für den der Sprecher sich einen zuletzt „friedlichen Tod“ erhofft. Der nur bei ungenauem Hinsehen etwas vignettenhaft wirkende Schluss mit seinen hellen Lauten beschwört dann eine Art paradiesischen Zustand. Bereits vorher schon schien im Bild der in einer jenseitigen Welt (“hinter … den frommen Kometen“, wobei das Adjektiv „fromm“ die häufig anzutreffende Magisierung dieser Himmelerscheinungen als böses Omen zurücknimmt) ihren Sohn „beweinenden Mutter“ sehr behutsam eine christliche Ikonografie auf.

 

Unter den vielen (zum Teil misslungenen) Gedichten zum Zweiten Weltkrieg nimmt „Untergang der Scharnhorst“ als zudem eines der wenigen, das sich mit dem Seekrieg auseinandersetzt, einen besonderen Platz ein. Es zeichnet sich durch eine klare, die Schrecknisse des Geschehens sichtbar machende Bildfolge aus und verschmilzt gekonnt Elemente des Erzählgedichts mit solchen einer Totenklage um einen Freund. Auch einem „religiös Unmusikalischen“ (Max Weber) wird die zurückhaltende Metaphorik, mit der in den Versen auf Transzendentales mehr andeutend als aussprechend verwiesen wird, nachvollziehbar sein.

 

H. Wiedow

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