Heinz Piontek: Unterrichtliches

Kurzinterpretation Oderabwärts III

Heinz Piontek „Oderabwärts III“

 

„Oder, mein Fluss.“

 

Ein erzählendes Gedicht.
Zusammengesetzt aus vielen Strophen.
Bewundernd summte ich
jedes Wort nach.                                                                           5
Der Verfasser, mir wohlbekannt,
war 1907 in Lebus an der Oder
zur Welt gekommen.

 

Ich hatte mir das Gedicht
aus einer großen Zeitung herausgeschnitten                                 10
und gut daran getan;
denn es wurde nur einmal gedruckt.

 

Doch zehn Jahre später
entdeckte ich es wieder.
Mitten in einem schmalen Lyrikband                                            15
als Vier-Zeilen-Fassung
unter lauter einsilbigen,
lakonischen Texten des Dichters.

 

Ich, ein Oder-Enthusiast und -Schwärmer,
sollte mich damit nun begnügen,                                                  20
basta!
Eich wollte es so.
(Ja, Günter Eich.)

 

Wusste ich es nicht besser?
Doch gleich danach dachte ich:                                                    25
Das musst du dir verkneifen.
Das Einmischen nämlich.
Jede Belehrung.

 

Außerdem:
Weder hatte ich unter Jugendlichen,                                             30
die in den ländlichen Häfen des Stromes
damals
herangewachsen waren,
etwas zu suchen gehabt,

 

noch konnte ich mich                                                                    35
zu jenen großstädtischen Gymnasiasten
hinzurechnen,
die, vielleicht bloß einen Katzensprung weit
von Maria auf dem Sande entfernt,
seinerzeit einmal zu Hause gewesen waren   

                               40

oder in einigen steinalten krummen Straßen,
eingefasst von kostbaren Fassaden...
ungefähr
Richtung Universität!

 

(Heinz Piontek Neue Umlaufbahn: Gedichte. Würzburg 1998, S.96 – 97;

 

„ ... Plötzlich stehen wir am Rand von etwas sehr Weitem und Frischen. Es zieht hin, es rauscht, es schimmert und spiegelt...Lau und feucht kommt ein Luftschwall nach dem andern übers Wasser zu uns... Noch nie habe ich etwas so Überwältigendes mit  meinen weit aufgesprungenen Augen erblickt wie diesen Strom. Die Oder.“ (1)

 

Heinz Piontek veröffentlichte 1996 in der Zeitschrift „Schlesien“ (Jg. XII / Heft 3, Würzburg) eine Folge von sieben Erzählgedichten „Nicht vergessener Strom“.

In einem Brief vom 5.3.1997 an den Vorstandsvorsitzenden des „Stiftung Kulturwerk Schlesien“, Prof. Dr. Eberhard Schulz, heißt es:

 

„[Ich habe] ein ziemlich umfangreiches Gedicht mit dem Titel 'Nicht vergessener Strom', an dem ich fast drei Jahre gearbeitet habe (mit Pausen selbstverständlich), nun endlich beendet...“(2) 

 

Noch einmal überarbeitet und um zwei Stücke erweitert, nahm Piontek die Gedichte als „Oderabwärts“ dann in seinen letzten zu Lebzeiten erschienenen Lyrikband „Neue Umlaufbahn“ (Würzburg 1998, S. 93 ff.) auf.

 

Der Sprecher der Gedichtfolge bezeichnet seine Erinnerungen an die Oderlandschaft zwar als „nach und nach verblassende / Gedächtnisfilme“ und „kaum noch lesbare / Gedächtnisprotokolle“ (VII. Gedicht), erzählt dabei aber mit genauen geographischen, historischen, hydrologischen und sogar hydrotechnische Details. Der Zyklus reiht Verse unterschiedlicher Thematik und verschiedener Erzählperspektive an einander. Ein für ihn typisches oder repräsentatives Gedicht gibt es darum nicht. Das III. Gedicht wurde hier ausgewählt, weil ihm wegen seiner Bezüge zu zwei Oder-Gedichten Günter Eichs besonderes Interesse gebührt


Zum Verständnis von Pionteks Erzählgedicht sind darum Kenntnisse über die in ihm erwähnten Verse Eichs erforderlich:


      Das Gedicht „Oder, mein Fluss“ erschien zum ersten Mal am 22. Mai 1954 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Eich nahm es in keinen seiner Gedichtbände auf; die erste Buchveröffentlichung erfolgte erst 1991 in seinen Gesammelten Werken. (3)  Das Gedicht entstand, wie der Herausgeber in den Anmerkungen zu Band I mitteilt (S. 512), als „Vorspann“ zu dem ebenfalls erst in der Werkausgabe (Die Hörspiele. Band II, S. 515 ff.) veröffentlichten Hörspiel „Unterm Birnbaum“ (nach der gleichnamigen Erzählung Theodor Fontanes geschrieben 1951).

 

Oder, mein Fluss


Die Oder, der Fluss, der von weither  kommt                                           
– niemand ist an der Quelle gewesen von denen, die hier wohnen –,
mein Fluss, der im Novemberregen
und zu Zeiten der herbstlichen Winde
anschwillt und den Deich mit seinen Wellen bedrängt.

                              

Ostwind, Unruhe ist in der Luft,
das zerfetzte Gewölk, aus den Häusern des Dorfs der zerrissene Rauch,
dumpfe Unruhe, wenn der Regen tropft
von den Ziegeln des Dachs und dem Geäst des Gartens.

 

Die ´Regenschleier über dem kahlen Feld,  

nicht unterscheidbar Wiesenufer und Bergufer
– geheimnisvolles Merkmal östlicher Flüsse – ,
dumpfe Unruhe über Buhnen und Treidelweg,
über den grauen strähnigen Weiden und dem Schilfrohr,
Glockengeläut aus Frankfurt und die Sagen der Reitweiner Berge,

die Fähre in Lebus und das Haus rechts der Oder, wo ich geboren bin.
Cliestow, der verwilderte Garten, Sommer und Winterhaus,
die Schmiede in Podelzig und die Erzählungen
der Großmutter, die den Mörder Sternickel sah

 

Herbstliche Unruhe in allen Jahreszeiten

eine Besonderheit im Klang der Uhren,
das Mehl des Holzwurmes in hieroglyphischer Spur.
Die Brennereien in den Gutshöfen,
Unzufriedenheit, die sich in Schnaps ertränkt,
in Fressereien erstickt: Mastgänse, Hammelkeulen und Schweineschmalz.    
Blick auf die Kähne, die stromab und vielleicht in die Weltmeere fahren.
In Küstrin sah Friedrich, wie auf dem Wall sein Freund Katte enthauptet ward.
In Freienwalde besuchte Fontane seinen Vater.
Das Haus, wo Heinrich von Kleist seine Kindheit verbrachte, ist zerstört.

                                                         
Dumpfe Unruhe in Ackerfurchen und Holundergebüsch,                            
Unverständliches in den Herzen.
Hier gedeiht das Vollkommene nicht,
hier bändigt niemand zu edlem Maß das Ungebärdige,
und das Dunkle ist wie vor der Schöpfung ungeschieden vom Hellen.

 

Über dem Gedicht liegt die Stimmung eines grauen, kahlen Herbstes im Novemberregen, der Fluss führt Hochwasser und „bedrängt” die Deiche (Z. 5). In der Natur herrscht „Unruhe”, fünfmal ist von ihr die Rede (Z. 6, 8, 13, 20, 30), dreimal mit dem hinzugesetzten Adjektiv „dumpf” (Z. 8, 13, 30). Die Menchen betäuben ihre Unzufriedenheit mit Schnaps und fettem Fleisch (Z. 24 f.); niemand „bändigt” hier (wie an Rhein, Main und Neckar, so möchte man hinzufügen) „zu edlem Maß das Ungebärdige” (Z. 33); kein Ort für Klassizität also! Die Häufung von „o-” und „u-”Lauten, aber auch Assonanzen wie in Z. 13 betonen dabei die Düsternis der Verse. „Das Dunkle”, so heißt es zuletzt, ist wie vor dem ersten Schöpfungstag „ungeschieden vom Hellen” (Z. 34). Auffällig ist die Nennung von Personen- und Ortsnamen (Z. 15 ff.; Z. 27 ff.), wobei durch die Unterbrechung (Z. 20 ff.) ein ermüdendes Aufzählen vermieden wird. Eich spricht es in dem Gedicht, das auf den ersten Blick „nur” Stimmungen zu beschwören scheint, nicht unmittelbar aus: Die Ortschaften um Lebus, an denen die Oder vorbeifließt, erzählen von Zerstörung und Tod. Podelzig wurde bereits im dreißigjährigen Krieg gebrandschatzt, geplündert und nahezu gänzlich vernichtet; 1945 lag der Ort in der Hauptkampfzone der Oderfront; ähnliches gilt für Kliestow. Die zerstörerische Gewalt erreichte auch Lebus, die Geburtsstadt Eichs, und Frankfurt / Oder, wo Heinrich von Kleist zur Welt kam. Hinter den Personen, die das Gedicht nennt, steht ebenfalls eine Geschichte von Sterben und Tod: Kleist tötete sich selbst; Katte, den Freund des Kronprinzen Friedrich, ließ der König in Küstrin – der größte Teil der Stadt befindet sich links der Oder (heute: Kostrzyn nad Odr) – enthaupten; Sternickel (*1866), ein jahrelang steckbrieflich gesuchter Mörder und Brandstifter (4), wurde 1913 in Frankfurt / Oder hingerichtet; Fontane schließlich schrieb mit „Unterm Birnbaum” die Geschichte über einen Mord; si? spielt in Letschin (dort Tschechin genannt), in der Nähe von Lebus. Eichs Kindheitsfluss, die Oder, wird in dem Gedicht also zu einem Todessfluss, eine Fahrt auf ihm wird zu einer auf dem Acheron.

 

In Eichs Gedichtband „Zu den Akten“ Frankfurt (Main 1964) findet sich als Teil einer mit „Neue Postkarten“ überschriebenen Folge ein vierzeiliges Gedicht, das als Neufassung von „Oder, mein Fluss“ gelesen werden kann. (5)

 

 

Oder, mein Fluss, erklärbar

aus Quellen und Nebenflüssen,

mein Morgengewinn, meine Unruh,

meine Sanduhr über den Ländern.

 

Der grammatisch unvollständige Satz entzieht sich jeder eindeutiger Festlegung. Mit dem sparsamen Hinweis „erklärbar aus Quellen und Nebenflüssen” wird die Oder und ihr Einzugsgebiet aufgerufen, der Strom selbst in formelhaft verkürzter Reduktion als kindheitsprägend (”mein Morgengewinn”), als das Leben bestimmend und antreibend („meine Unruhe”, gemeint hier auch im Sinne eines Uhrenschwungrades) und zuletzt dann als Todesfluss („meine Sanduhr”: ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens) gesehen. Die Oder – eine Zeitmetapher also für das ganze Leben.


Vor diesem Hintergrund kann nun eine Auseinandersetzung mit dem dritten Gedicht des Zyklus „Oderabwärts” erfolgen:


Pionteks als Eich-Zitat mit „Oder mein Fluss“ beginnenden Verse sind nicht nur ein Gedicht auf einen Dichter– keine Seltenheit in der Literatur, man denke nur an die vielen auf Shakespeare, Kleist, Rilke usw. geschriebenen Verse (6) – sondern (eher seltener!) ein Gedicht über ein Gedicht! Ein lockerer Parlando-Ton herrscht vor, der sich in Z. 20 sogar salopper Wendungen bedient. Rhythmische Akzentsetzungen lassen sich kaum beobachten. Die Assonanz in Z. 4 betont die Empfindungen, von denen die Rede ist. Der Sprecher kann mit Heinz Piontek gleich gesetzt werden, der hier als autobiographisches Ich figuriert, das sich siebenmal deutlich ins Spiel bringt. Er berichtet von seiner ersten, Bewunderung auslösenden Lektüre des vielstrophigen erzählenden Gedichts  von  Günter Eich, das er dann ausschneidet und verwahrt. Warum der Sprecher beim Lesen dieser Verse allerdings bewundernd jedes Wort „nachsummte“ (Z. 4 f.) erfährt der Leser nicht, wohl aber, dass es, rückblickend betrachtet, richtig war, das Gedicht auszuschneiden. Zehn Jahre später stößt der Sprecher dann „mitten in einem schmalen Lyrikband“ Eichs (Z. 15) unter „lauter einsilbigen / lakonischen Texten des Dichters“ (Z. 17 f.) auf die Vier-Zeilen-Fassung. Dass er sich als „Oder-Enthusiast und -schwärmer“ (Z. 19) mit dieser Neufassung „nun begnügen“ soll (Z. 20), quittiert er mit dem Ausruf „basta!“ und bescheidet sich mit der Erklärung, Eich wolle es eben so. Das in Klammer gesetzte „Ja, Günter Eich“ (Z. 23) verweist darauf, dass Eich eigenen Texten gegenüber nun einmal das letzte Wort haben müsse. Durch eine rhetorische, den Aussagecharakter des Satzes verstärkenden Frage (Z. 24), bescheinigt sich der Sprecher zwar, dass er es besser als Eich wisse, soll heißen: er die ursprüngliche Fassung keinesfalls für entbehrlich halte. Gleichzeitig aber untersagt er sich selbst jede Einmischung und jede Belehrung Günter Eichs. Im letzten Teil des Gedichts (ab Z. 29) versucht er dann, sein auf den ersten Blick ja nicht völlig verständliches Verhalten zu erklären. Er nennt zwei ihm in der Jugend durch eine andere Herkunft, Bildung und Sozialisation nicht zu Teil gewordene „Oder-Erfahrungen“: die von Heranwachsenden in den „ländlichen Häfen des Stromes“ (Z.31 ff.) unter denen er nichts „zu suchen gehabt“ habe (Z. 34); jene von Gymnasiasten, die in Breslau ganz in Nähe der berühmten gotischen Kirche St. Maria auf dem Sande (heute: Ko?ció? Naj?wi?tszej Marii Panny na Piasku) oder im barocken Universitäts-Viertel aufgewachsen seien. Mit „in Richtung Universität“ (Z. 43) und der Formulierung „zu Hause gewesen waren“ (Z. 40) bringt der Sprecher dabei nicht nur die räumliche, sondern auch die soziale Nähe dieser Jugendlichen zur Leopoldina zum Ausdruck und betont damit das, was ihn von diesen trennte.

 

Im Heinz Piontek-Archiv, Lauingen befindet sich die Kopie eines Briefes von Piontek (12.3.1997) an den Vorstandsvorsitzenden des „Stiftung Kulturwerk Schlesien“, Prof. Dr. Eberhard Schulz, in dem es  heißt:

 

"... 1954 schnitt ich mir das umfangreiche Erzählgedicht 'Oder, mein Fluss' aus einer der Feuilletonseiten der FAZ aus, weil ich der Ansicht war, solche Gedichte werden in Deutschland nicht alle Tage geschrieben, geschweige veröffentlicht. 1963 arbeitete ich an der Zusammenstellung meiner ersten großen Anthologie „Neue deutsche Erzählgedichte … und Günter Eichs Gedicht „Oder, mein Fluss“, das ich zehn Jahre treu aufgehoben hatte, hätte ich nun gern in meiner Anthologie leuchten sehen (zum ersten mal in Buchform!). Ich schrieb Günter Eich... Ich bat ihn also um den Nachdruck … und fiel aus allen Wolken, als er mir antwortete, er könne mir den Nachdruck nicht gestatten! Die erste Fassung aus den fünfziger Jahren halte er für nicht geglückt. Er habe das Gedicht umgeschrieben und werde es im nächsten Jahr (1964) in seinem schon dem Verlag abgelieferten Manuskript seines neuesten Gedichtbandes „Zu den Akten“ veröffentlichen. Er bedauere. Ein Jahr später fand ich dann in „Zu den Akten“ die Vier-Zeilen-Fassung. Das frühe große Gedicht „Oder, mein Fluss“ hat Eich zu Lebzeiten nirgendwo in Buchform veröffentlicht; er verbot auch den Abdruck in Anthologien und Schulbüchern. Angeblich, weil er die erste Fassung für misslungen hielt. Sie werden mir zugeben: Ein Autor ist in letzter Instanz nicht jedesmal unfehlbar, wenn es um die Beurteilung der eigenen Texte geht. „Hier irrte Eich“ (gewaltig!) ..."

 

Das im Gedicht Pionteks als rhetorische Frage formulierte „Wusste ich es nicht besser?“ (Z. 23) wird hier sehr deutlich mit „'Hier irrte Eich' (gewaltig)“ akzentuiert. Dass der Feststellung „weil er die erste Fassung für misslungen hielt“ vorangestellte „angeblich“ betont dabei die Position Pionteks allerdings in missverständlicher Form, denn Eich wird seine nicht erteilten Abdruckerlaubnisse gewiss nicht mit einem „angeblichen“, sondern mit in seinen Augen tatsächlichen Misslingen begründet haben. Merkwürdig bleibt auch, dass Piontek, der „mit Eich seit 1950 korrespondierte“ und mit ihm „schon seit einigen Jahren als Mitglied der Bayr. Akademie d. Schönen Künste bei den obligatorischen Sitzungen der Abt. 'Literatur' öfter zusammen gewesen“ war (7), die zunehmende Lakonie Eichs, seine Aversion gegen Anthologisierung und seine Skepsis gegenüber dem eigenen Werk bemerkt haben musste, bei der Absage „aus allen Wolken fiel“; sie hätte ihn eigentlich nicht verwundern können. (8)

 

Ein entscheidender Grund der Enttäuschung Pionteks lag aber, wie man sieht, darin, dass er „Oder mein Fluss“ nicht in seine Sammlung von Erzählgedichten aufnehmen konnte. In der Tat entspricht es besonders gut einigen der im Vorwort zu dieser Anthologie herausgestellten Kriterien: „Zug zum … Parlando“; „Sachlichkeit und Genauigkeit der Berichterstattung“; sukzessives Aufzählen im Sinne des Vermeidens eines bloßen Nebeneinanders. (9) Die „Vier-Zeilen-Fassung“ übergeht er darum in seinem Brief, sie hätte in der Tat nicht in diese Anthologie gepasst!

 

Pionteks Erzählgedicht wirft nun einige Fragen auf.

 

Handelt es sich überhaupt um verständliche Verse? Gemeint ist eine mögliche Unverständlichkeit, die sich aus Anspielungen auf einen Text ergeben wird, der wie das zitierte Langgedicht Eichs entweder überhaupt nicht zur Verfügung steht oder nur an entlegener Stelle publiziert ist. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Pionteks Gedicht (so wie es vorliegt) zuletzt einen „privaten Charakter“ besitzt, zur Publikation eine Erläuterung also notwendig gewesen wäre. (Ähnliches gilt im Übrigen auch für den Vierzeiler Eichs: Er lässt sich, wie Reinhard Döhl herausgestellt hat „nicht mehr aus sich selbst, allenfalls aus dem Werkzusammenhang erschließen.“ Gerade dieser Zusammenhang aber war jedem Leser vor Erscheinen der Gesammelten Werke nicht bekannt! (10)

 

      Ist der Zusammenhang zwischen “Wusste ich es nicht besser?“ (Z. 23), dem sich selbst auferlegten Verbot einer Belehrung (Z. 25 f.) und der hierzu in Z 28 ff. herangezogenen Erklärungen deutlich genug? Vergleicht man z. B. die Zeilen 23 ff. der Buch- mit der entsprechenden Stelle in der Zeitschriftenfassung.

 

Daß ich mich erdreiste,
mitreden zu wollen,
mich hier einzumischen -
ja, wer bin ich überhaupt?

 

Weder hatte ich unter Jugendlichen
…. (Fortsetzung s. Z. 29 ff.

 

so scheinen, zumindest auf den ersten Blick, die Zeilen „Dass ich mich erdreiste...“ usw. und vor allem die durch einen Trennungsstrich abgetrennte Frage „ja, wer bin ich überhaupt?“ den Zusammenhang klarer darzulegen als die Buchfassung. Es bleibt die allerdings schwer zu beantwortende Frage, aus welchem Grund eine seit früher Kindheit durch Aufwachsen in „ländlichen Häfen“ (Z. 30) erworbene intensive Vertrautheit mit der Natur des Stromes oder ein Großwerden im  Breslauer Milieu „Richtung Universität“ (Z. 43) und damit bereits von Jugend an erworbenen „höheren“ Kenntnisse über die Oder, dem „Ich“ wirklich mehr Sicherheit gegeben hätte, sich einzumischen und Eich zu belehren. Der Sprecher liest die beiden Gedichte doch Jahrzehnte später... Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hinter den gegenüber der Zeitschriftenfassung jetzt mit „außerdem“ angeschlossenen Hinweisen auf je andere Kindheits- und Jugendverläufe etwas verbirgt, was mehr als eine bloße Erklärung für das Verbot von Einmischung und Belehrung darstellt. Das Adverb „außerdem“ ist in seiner sprachlichen Bedeutung leicht offen; als „daneben“ meint es mehr etwas Zusätzliches, als „darüber hinaus“ eher etwas Weiterführendes. Erklären die beiden dem Sprecher verwehrten Jugenden am Strom nun „endgültig“, warum er  aus dem „wußte ich es nicht besser?“ (Z. 23) sich jede Einmischung und Belehrung verbot oder werden hier, gleichsam melancholisch-resignativ, nur zusätzliche Hinweise gegeben? Piontek jedenfalls hat durch seine Änderung der ursprünglichen Fassung diese Möglichkeiten der Interpretation geschaffen. Dem „Offenen“ der Buchfassung sollte darum Vorrang gegeben werden.

 

Eich hatte in seiner vierzeiligen „Neuen Postkarte” die Oder mit dem schönen Wort „Morgengewinn” als für seine Kindheit prägend gesehen, si? alsdann mit dem alten Vanitas-Symbol der „Sanduhr” als Lebens- und damit auch Todesstrom gedeutet. Läßt sich in Pionteks „Oderabwärs” Ähnliches erkennen?


Der Zyklus beginnt mit einer Gesamtschau auf die Flusslandschaft. Im zweiten Gedicht werden dann die Staunen und Begeisterung auslösende Wahrnehmungen des Kindes aufgerufen:

 

 

Schon von Kind auf

zog es mich

wieder und wieder zu Stauwehren,

zu Schleusen, wo das strömende Wasser

für kürzere Zeit

auf der Stelle stehen musste.

 

Unter den Schleusen hier

gab es eine, die mir vor Glück

den Atem verschlug.

Sie hieß offiziell

Oberschleuse.

(Ehrlich.)

 

Aber sie lag,

solange ich denken kann,

sieben vermaledeite preußische Meilen

abseits des berühmten Stromes.

An einem Bauerngraben.

 

Und dass mir noch heute

der alte Neue Großschiffahrtsweg

einfällt! …

 

Das eigentlich Fließende wird als auf der Stelle stehend gesehen; die „Oberschleuse“ liegt nicht am Strom, sondern abseits an einem kleinen Bauerngraben! Die Oder-Faszination ist so stark, dass der Sprecher als Kind / Jugendlicher, wie in dem Gedicht weiter erzählt wird, zu einen „speckig gewordenen Schulbuch / für Heimatkunde” greift, um seine Kenntnise zu erweitern.


Wenn der Sprecher davon redet, das es ihm „vor Glück den Atem verschlug” und ihm „noch heute” ein Begriff, den er in Kindertagen gehört hatte, „einfällt”, so läßt sich wohl mit Fug und Recht davon sprechen, dass ihn das Erlebnis der Landschaft an der Oder im wahrsten Sinne des Wortes geprägt hat. Sie war und blieb auch für ihn „mein Morgengewinn!”.


Der Zyklus endet mit drei Gedichten, deren gemeinsamer Mittelpunkt die in den Schilfgürteln des Oderschwemmlandes anzutreffende Röhrichtpflanze Kalmus (Acorus calamus) mit ihren „tiefbraunen, / samtbraunen” (Gedicht VII) kolbenförmigen Blüten- / Fruchtstand bildet. Der Sprecher erzählt, dass er si? als Jugendlicher „auf gutgeleimte / und leicht getönte Papiere” gezeichnet habe und sein „Frühwerk”, wie er es nennt, dann vor dem „Zusammenbruch … gerade noch rechtzeitig verstecken” konnte (Gedicht VIII). Lapidar heißt es dann: „Fragen / nach dem Verbleib meiner zwei Mappen / erübrigen sich.” Im letzten (neunten) Gedicht sinniert der Sprecher, dass „meine schlesischen Kalmuskolben, beschrieben / auf diesen Seiten” vermutlich „nur noch an brandenburgischen Seen” stehen, aber neuerdings auch an den frisch gepflanzten  Schilfgürteln des Rhein-Donau-Kanals. Der gesamte Zyklus schließt dann mit folgenden Versen:

 

Und wenn ich Glück habe,
wird man sogar die tiefbraunen,
samtig schimmernden Bärenfellmützen
des Wach stehenden, aufrechten Kalmus
in meinem Nachlass wiederfinden.

 

Nachlass?
(Das lässt sich
im Kopf ausrechnen!)
Ja über kurz oder lang.

 

Wenn es so vom schon bald anfallenden „Nachlass” redet, spricht das Gedicht aber vom Tod. Wieso aber wird sich in den Hinterlassenschaften des Sprechers Kalmus finden? Zum Nachlass des Dichters – das lyrische Ich der Gedichtfolge gibt sich in vielen Versen und gerade auch in den letzten unverdeckt als autobiographisches Ich zu erkennen – gehören seine Werke, Briefe und Lebensdokumente.Teil der Hinterlassenschaft aber sind also die Gedichte, in denen vom Kalmus die Rede ist und damit die Pflanze selbst in Versen gebannt wird. Seine „schlesischer Kalmuskolben” lassen sich demzufolge nicht nur in der Natur finden, sondern auch in seiner Lyrik. Insofern scheinen die letzten Zeilen des Gedichts den Anfang zurückzunehmen, in dem es hieß „besser als mit Kunst und Politik / meint es die Natur / mit Schilf und Kalmus”. Indem es ein bescheidenes „Wenn ich Glücke habe” hinzufügt, spricht das „Ich” davon, dass auch für seinen Nachlass Ähnliches gelten könnte wie für sein „verstecktes Frühwerk” („Fragen / nach dem Verleib meiner zwei Mappen erübrigen sich”).


Hatte Eichs Vierzeiler die Oder als Lebens- und Todesstrom im Vergänglichkeitssymbol der Sanduhr gefaßt, so redet Pionteks Gedichtfolge zwar auch vom Verderben („Zusammenbruch”) und von Vergänglichkeiten (die unwiederbringlich verlorenen frühen Zeichnungen), im Bild des Kalmus aber auch von einer Wiederkehr: Die von Kindheit an so geliebte Pflanze läßt sich jetzt im fränkischen Schilfgürtel des Kanals und –  im lyrischen Werk des Dichters finden.

 

Fußnoten

(1)  Heinz Piontek: Zeit meines Lebens. Autobiographischer Roman. Dritte, revidierte Auflage (1. Auflage der Neuausgabe), Würzburg 1996, S. 35.

(2) Eine Kopie des bisher unveröffentlichten Briefes findet sich im Heinz Piontek-Archiv, Lauingen.

(3) Günter Eich: Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe. Band I: Die Gedichte. Die Maulwürfe. Herausgegeben von Axel Vieregg. Frankfurt / Main 1991. S. 209. Die erste, gleich nach dem Tod Eichs erschienene Ausgabe (1973) enthielt das Gedicht noch nicht.

(4) Sternickel wird von Eich in dem Gedicht Kinder und Hausmärchen noch einmal genannt (Gesammelte Werke. Band I.S. 147).

(5) Gesammelte Werke. Band I. S. 113.

(6) Vergl. nur die von Edgar Neis herausgegebene Sammlung Gedichte über Dichter. Frankfurt 1982.

(7) Schreiben an Eberhard G. Schulz vom 12.3.1997 (s.o.).

(8) Der Briefwechsel Eich / Piontek wird (innerhalb des umfangreichen literarischen Nachlass Pionteks) in der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Bayerischen Staatsbibliothek. München, verwahrt. – Im Heinz Piontek-Archiv, Lauingen, befindet sich im Rahmen der Lyrik-Bibliothek Pionteks ein mit einer persönlichen Widmung versehenes Exemplar von Eichs Gedichtband Abgelegene Gehöfte.

(9) Heinz Piontek: Neue deutsche Erzählgedichte. Stuttgart 1964. S. 10.

(10)  Reinhard Döhl, Günter Eich zum 70sten- WDR Zeitzeichen. 1.2.1977. 

 

HARTWIG WIEDOW

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