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Kurzinterpretation - Lebenslänglich

Lebenslänglich

Am Guckloch hocken. 
Es schneit schwarze Flocken.

St. Goar am Rhein.
Wie kalt Stein auf Stein.

Jumièges an der Seine:                                   5
Ich weine und gähne.

Ist Lorch überstanden?
Komm ich mir abhanden?

Die Schneefahnen stieben.
Der Schmerz ist geblieben,                            10

mein Leben vergangen,
in Klöstern gefangen ...

Erinnerung, schließ deine Türen!
Nie wieder vom Sattel regieren.

Doch einmal noch reiten,                              15
ins Weite vom Weiten

und weiter hinaus -
ein Engel voraus.

 Anmerkungen: Thassilo III., der letzte bayerische Herzog aus dem Geschlecht der Agilofinger, wurde von Karl dem Großen wegen "Verlassen des Schlachtfeldes mit seinem Heer" zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslänglicher Klosterhaft begnadigt und von einem Kloster ins andere verschleppt.

Heinz Piontek: Helldunkel. Freiburg im Breisgau / Basel /Wien 1987

© Anton Hirner

Der Sprecher des Gedichts ist Thassilo III. (geb. um 741; reg. von 748 bis 788, gest. um 796 wahrscheinlich in Lorsch) aus dem Geschlecht der Agilofinger, das seit Ende des 6. Jahrhunderts Bayern als Herzöge regierte. Nach Lage und Umfang unterschied sich dieses Bayern erheblich von dem späteren Stammesherzogtum und stimmt nicht mit dem heutigen Freistaat überein. Der Sprecher macht keine Angaben zu seiner Person, seiner gesellschaftlichen Stellung und zum Verlauf seines Lebens, so dass man sich nur dann ein vollständigeres Bild machen kann, wenn man über die Anmerkungen Pionteks hinaus historische Darstellungen zu Rate zieht (s. Literaturverzeichnis). Zum Verständnis des Gedichts soll hier nur erwähnt werden, dass Thassilo 788 auf einer großen Reichsversammlung in der Ingelheimer Pfalz wegen Fahnenflucht ("harisliz"), nach damaligem Stammesrecht für einen Lehnsmann ein Majestätsverbrechen, zum Tode verurteilt wurde. Der fränkische König Karl (reg. 768 bis 814, ab 800 Kaiser) begnadigte Thassilo und belegte ihn mit der Strafe einer lebenslänglichen Klosterhaft. Die mit dieser Strafe für einen hochadeligen Mann verbundene Demütigung, das Haupthaar geschoren zu bekommen, wurde aber nicht öffentlich vollzogen. Die Tonsurierung erfolgte vielmehr im Kloster St. Goar. Mit Thassilo III. erlosch das Geschlecht der Agilofinger, denn seine beiden Söhne (und Erben) hatte Karl ebenfalls "scheren" lassen.

(2) Aus der an sich selbst gerichteten Frage "Ist Lorch überstanden?" (Z. 7) kann geschlossen werden, dass sich der Sprecher in Lorsch, der letzten Station seiner Klosterhaft, befindet (zur Namensschreibung s. Nachbemerkung). Er teilt zwar die Namen der beiden anderen Klöster mit, in denen er festgesetzt war (im fränkischen Stammland der Île-de-France, Z. 5; St. Goar, Z. 3), berichtet aber nichts über die politischen Hintergründe und vor allem über die Ursachen seiner lebenslänglichen Gefangenschaft. Ausführlich und ohne Exaltiertheit, die man auf Grund seiner besonders schwierigen Situation vielleicht erwartet hätte, redet er über seine psychische Situation und seine Befindlichkeit. Der Grundton wird dabei bereits in Z. 2 angeschlagen: Den Winter, den er nur über ein "Guckloch" aus der steinernen und kalten Klosterzelle (Z. 4) erspähen kann, nimmt er als schwarze Schneeflocken wahr, er schaut also in eine für ihn dunkel gewordene Welt. Er spricht vom "Schmerz", der ihm als einziges Gut, wenn es so nennen will, "geblieben ist" (Z. 10), von Weinen und Gähnen (Z. 6), wohl Folge großer Erschöpfung. Er leidet, wie aus der Frage "komm ich mir abhanden?" (Z. 8) geschlossen werden kann, an Identitätsverlust, an einer tiefen Depression: Er weiß, dass "sein Leben vergangen" ist (Z. 11). Mit Nachdruck fordert er sich selbst auf, vor den sich einstellenden Erinnerungen die Türen zu schließen (vergl. Z. 13 mit Ausrufungszeichen), also nicht der Vergangenheit nachzuhängen; sein Herzogtum, darüber ist er sich klar, wird er nie wieder regieren (Z. 14). Beherrscht ist er nur von einem Wunsch, den er, im Gegensatz zu den nüchternen Feststellungen über seinen Zustand, in geradezu emphatischer Sprache artikuliert: Trotz allem noch einmal in die großen Weiten hinaus zu reiten, weiter und weiter bis in die Ewigkeit hinein, angeführt von einem Engel, dem Boten Gottes (Z. 15 ff.). Von solch schwierigen seelischen Zustand, in dem Niedergeschlagenheit und Hoffnung zu eins werden, mit einfachen, aber sinnfälligen Worten zu sprechen, macht den Rang dieses Gedichtes aus. Es handelt sich um einen poetischen Text, der nicht unter der Pflicht zur historischen Genauigkeit steht, sondern sich ganz auf die psychische Lage des Gefangenen konzentrieren kann. Durch ihren dann notwendig fiktiven Charakter weisen die Verse über die realen historischen Umstände hinaus und eröffnen so verschiedene Möglichkeiten, sie sich zu eigen zu machen.

Piontek gab 1964 eine Anthologie  "Neue deutsche Erzählgedichte" heraus, beschrieb im Vorwort  typische Merkmale dieser Gedichtgattung und grenzte sie von der älteren Form der Ballade ab. Er selbst verfasste während aller Werkperioden  Erzählgedichte (z. B. "Die Verstreuten", "Östliche Romanzen", "Im Blauen Juni 1945") und befestigte gerade mit ihnen seinen Rang als Lyriker. Auch in "Lebenslänglich" lassen sich Elemente eines solchen Erzählgedichts erkennen: Ein Teil der Lebens- und Schmerzensgeschichte des Herzogs wird unter Aussparung des Dramatischen und Emotionalen  sachlich und genau von ihm selbst berichtet. Bis Z. 14  herrscht dabei eine für die Gattung des Erzählgedichts typische distanzierend zurückhaltende Erzählweise vor, die dazu noch durch eine äußerst sparsame Verwendung des Personalpronomens "ich" (nur in Z.6 und Z.8) betont wird.

Piontek geht aber in "Lebenslänglich"  deutlich über ein bloßes Erzählen hinaus: Er gebraucht durchgängig das Präsens statt des für diese Gedichtform typischen Zeitform des Präteritums. Diese ausschließlichel  Verwendung der Gegenwartsform läßt in der Sicht Thassilos die nich nur örtlich, sondern auch zeitlich getrennten  Klosterstationen zu einem einzigen Leidensort werden! In den letzten beiden Strophen des Gedichts, in denen von keiner Tatsächlichkeit mehr die Rede ist, sondern von dem Wunsch, aus der Enge der Klosterzelle in grenzenlose Weiten  aufzubrechen, erfolgt ein Wechsel in der Sprache: Ist sie in den ersten sechs Strophen kunstvoll einfach und nüchtern, so nimmt sie in den beiden letzten durch eindringlich sich steigernden Worte und dem gehäuft auftretenden Doppellaut "ei" ("ins Weite vom Weiten // und weiter hinaus ", Z. 16 ff.) einen evokativen Charakter an. Vorbereitet wird dieser emphatische Schluss des Gedichts durch eine veränderte Taktfolge: Die zweihebigen Verse mit stakkatohafter Aufzählung werden in Z. 13 f. von einer dreihebigen Strophe unterbrochen, die dem Resümee des in Z. 1 bis 12 erzählten Lebensabschnittes Gewicht verleihen und Ausblick ermöglichen (Z. 15 ff.).

An die Stelle einer für Erzählgedichte eher charakeristischen alltäglichen Sprache tritt in "Lebenslänglich"  die strenge Form der gereimten  Rede, wobei überwiegend klingende Reime wie "stieben / geblieben" (Z. 9 f.) verwendet werden. Das Gedicht erhältso einen außeralltäglichen, der Person und dem Schicksal des Protagonisten entsprechenden Charakter und führt vor allem mit dem seben erwähnten Sprachwechsel  zu einer Kongruenz von Form und Inhalt.

 

Wann Piontek das Gedicht  geschrieben und was ihn zu diesen Versen über eine zweifellos faszinierende Gestalt des bayerischen frühen Mittelalters bewogen hat, ist nicht bekannt, so dass sich nur Vermutungen äußern lassen: Piontek fühlte sich, wie er mehrfach betont hat, mit Bayern verbunden. Haben ihn die erstaunlichen kulturellen Leistungen des letzten Aigolofingers  zu diesem Gedicht veranlaßt? War er vom Lebensbogen Thassilos angerührt, der von einer im Anfang königsähnlichen Stellung bis zur späteren Demütigung zur lebenslängliche Klosterhaft zuletzt für die Vergeblichkeit stand, sich gegenüber einer Großmacht zu behaupten? Gewiss aber spielte der die Widrigkeiten des Lebens sprengende Glaube Thasillos, mit dem Tod in andere und neue Weiten aufzubrechen, für den homo religiosus H. Piontek bei diesem Gedicht eine große Rolle.

Über den Schreibanlass  wissen wir  ebenso wenig etwas wie über die Quellen und Literatur, die Piontek eingesehen hat. Wie dem auch sei, "Lebenslänglich" ist ein Unikat,  denn es gibt  mit  Ausnahme einer kaum aufzufindenden Ballade von Albert Ludwig Grimm (1786 -1872, nicht mit den "Brüdern Grimm" verwandt) kein weiteres Gedicht und keine erzählende Prosa über Thassilo III.

Nachbemerkung: Die Namensschreibung  "Lorch" im Gedicht ist fehlerhaft. Gemeint ist "Lorsch"  mit seinem berühmten Kloster karolingischen Ursprungs, das heute zum Weltkulturerbe gehört.

 

Literatur

Heinz Piontek: Neue deutsche Erzählgedichte. Stuttgart 1964

Katalog der Bayerischen Landesausstellung 2024: Thassilo, Korbinian und der Bär - Bayern im frühen Mittelalter. Herausgegeben von Christof Paulus u.a., Regensburg 2024

Matthias Becher: Der Sturz Herzog Tassilos www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Sturz_Herzog_Tassilos

Josef Minst: Herzog Tassilo in Lorsch. Geschichtsblätter für den Kreis Bergsgtraße. Heft 7 / 1974, S. 29 ff,