Kurzinterpretation - Volkslied
Volkslied
In Dillingen, da pflegten wir zu hocken
in manchem schönen Eck
Schlaftrunken kam der helle Morgen an.
Wir gingen wie die Schneider durch den Klee
und tauschten Noten ein um Küsse,
bis auch zu uns kam an den Wasserstrom
Geschrei vom unerhörten Aufstand in der Welt.
Da dachten wir, es gehe wie es wöll,
und wagten blind den Donauübergang.
(Heinz Piontek: Klartext, Hamburg 1966)
© Anton Hirner
Das Gedicht soll nachfolgend nicht vollständig interpretiert und in erster Linie biographisch aufgeschlossen werden. Der fiktive Sprecher wird (in einer heute eher verpönten Weise) mit dem empirischen gleichgesetzt.
Heinz Piontek wohnte von 1955 an in Dillingen und fühlte sich dort, wie Briefe und Notizen zeigen, sehr wohl; 1961 übersiedelte er jedoch in die bayerische Hauptstadt. Nach seinen eigenen Bekundungen war es das reiche kulturelle Leben Münchens, das ihn anzog. Die 1966 erstmals veröffentlichten Verse ermöglichen aber einen tieferen Blick in die Motive und Umstände dieses Ortswechsels, denn das Gedicht weiß möglicherweise mehr als sein Verfasser! Indem es den Begriff „Donauübergang“ verwendet, wird die ja eigentlich unproblematische Umzugsfahrt nach München mit einer gefährlichen Überquerung des Flusses assoziiert, wie z. B. die der amerikanischen Streitkräfte, welche im April 1945 über die Dillinger Donaubrücke nach Süden vorstießen
„Volkslied“ ist ein irritierender Titel für ein Gedicht, das gerade nicht in gereimter, auf Sangbarkeit ausgelegter Form eines Volksliedes geschrieben ist. Die merkwürdige Wendung „es gehe wie es wöll“ verweist dabei auf das alte schwäbische Volkslied »Schneiders Höllenfahrt«, Seine erste Strophe lautet: „Es wollt ein Schneider wandern / Am Montag in der Fruh, / Begegnet ihm der Teufel, / Hat weder Strumpf noch Schuh: / ‚He, he, du Schneidergesell, / Du musst mit mir in d’Höll, / Du musst uns Teufel kleiden, / Es gehe wie es wöll!“
Die Wendung „Du musst mit mir in d’Höll“ macht nun in Verbindung mit „Donau-übergang“ klar, dass Heinz Piontek im Weggang aus Dillingen, wo man doch in so „manchem schönen Eck“ sitzen und es sich bequem machen konnte, durchaus Gefahren für sich erblickte. Das Gedicht lässt allerdings im Ungewissen, warum sein Autor Dillingen überhaupt verlässt. Erschien ihm sein Aufenthalt im Donauried zunehmend als Weltflucht („Schlaftrunken kam der helle Morgen an. / Wir gingen wie die Schneider durch den Klee“), als Rückzug in eine private Idylle („und tauschten Noten ein um Küsse“). Suchte er nun eine größere Nähe zum „unerhörten Aufstand“ in der Welt? Der "Donauübergang" erscheint als ohne abwägende Bedachtnahme (eben: „blind“) eingegangenes Abenteuer, sich in die Gefahren von Empörung und Aufruhr welcher Art auch immer zu begeben. Sah Piontek z. B. in den Schwabinger Krawallen (Juni 1962), über die in der Presse ausführlich berichtete, erste Zeichen der sich ab Mitte der sechziger Jahre zeigenden (Studenten-)Unruhen - heute vereinfacht mit „1968“ umschrieben -, die in konservativer Sicht als Kulturrevolution erschienen, in der das Unterste zu Oberst gekehrt wurde?
Das Lied vom Schneider endet allerdings glücklich, der Schneider kann die Hölle wieder verlassen: „. He, he, du Schneidergesell, / Pack dich nur aus der Höll, Wir brauchen keine Kleider mehr, / Es geh halt, wie es wöll!“. Entging Heinz Piontek den Gefahren, die er in dem Gedicht ahnte und die er möglicherweise als Augenzeuge erleben wollte? Seine Biografie zeigt, dass er sich durch eine ab den sechziger Jahren sich zunehmend politisch verstehende Literaturkritik, die ihm mangelndes politisches und gesellschaftliches Engagement vorwarf, verletzt fühlte. Er selbst sah sich als unpolitischer Schriftsteller, "Volkslied" und auch andere Gedichte zeigen aber, dass er es nicht war.
Literatur:
Hartwig Wiedow: Heinz Piontek im Donauried: Nachkriegsheimat und Anfänge eines Schriftstellers. In: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen a. d. Donau. 116./117. Jahrgang, 2015/16, Dillingen 2017, S. 265–290.
Anton Hirner: Heinz Piontek – der Schriftsteller in München. München 2023.
Eine anschauliche Darstellung des "Donauübergangs" der US-Streitkräfte findet sich bei Peter von Neubeck „Als die Amerikaner ‚Teufelskatzen‘ Dillingen erreichten". In: DZ-Extra: Kriegsende, Donau-Zeitung, 22.April 2015, S. 38).
Der gesamte Text von "Schneiders Höllenfahrt“ findet sich z. B. auf https://www.volksliederarchiv.de/.